Kaltblut und passender Sattel – ein Widerspruch? (Teil 1)

Shire Horse mit Westernsattel

Western- und Wanderreiten

Du hast doch was mit Shires zu tun, da kennst du dich doch bestimmt mit Sätteln für Kaltblüter aus. Sag mal…
So oder ähnlich werde ich oft angesprochen, wenn (Neu-)Besitzer eines Kaltblutpferdes die gängigen Fundstellen im Netz oder diverse Reitsportgeschäfte nach einem einigermaßen passenden Sattel für ihre Dicken durchsucht haben.

Sättel für Kaltblüter müssen nicht einfach nur eine Nummer größer sein, einige Besonderheiten sind zu beachten. Es reicht nicht die Sättel nach üblichen “Schnittmustern” zu bauen. So ist sehr häufig eine breitere Kammerweite im Verhältnis zu Sattelgöße notwendig. Auch die Auflageflächen und Polsterungen sind im Verhältnis zur Sättelgröße ausladender.

Hier ist erfreulicherweise der Trend zu erkennen, dass Hersteller die Kaltblutreiter als neue Kundschaft ins Visier nehmen und einige ihrer Sättel auch in passenden Größen anbieten. Da, wie in diesem Buch beschrieben, das Shire Horse und Clydesdale ein vom klassischen Kaltblut abweichendes Exterieur haben, wird man manchmal dennoch um eine Maßanfertigung nicht herum kommen.

Auffällig ist, das früher weniger Unterschiede bei den Sätteln zu sehen waren und ein Sattel oft auf mehreren Pferden genutzt wurde. Hatte man früher nicht auf die passende Sattelform geachtet?!? Ein Reitmeister gab mir eine einleuchtende Erklärung dafür: heute gibt es deutlich mehr unterschiedliche Pferderassen in Deutschland, deren Rücken große Unterschiede aufweisen. Vom Shetty über Isländer, verschiedenen Barockrassen, die bekannten deutschen Warmblutrassen über Apaloosas, Paint und Quarter Horse bis hin zu den verschiedenen Kaltblut Rassen inkl. Shire Horse und  Clydesdale. Die früher genutzten Pferde waren sich noch sehr viel ähnlicher, so dass ein Sattel in der Regel auf mehrere Pferderücken passte.

Selber neugierig geworden hörte ich mich um, welche Sattlereien sich mit den Besonderheiten der Dicken auskennen. Ich habe mich bei zwei Sattlern, deren Sättel ich häufiger bei Shire Horse und Clydesdale gesehen habe, umgehört und sie nach den Besonderheiten Ihrer Sättel befragt. Um dem wachsenden Trend im Wander- und Westernreiten gerecht zu werden, wurde ich bei der Firma Rieser vorstellig. Für Dressurreiter und Freunde der iberischen Reitweisen sprach ich mit der Fima Signum Sattelservice.

Ähnlich wie bei den Beiträgen zur Hufpflege gibt es nicht die eine richtige Reitweise oder den einen richtigen Sattel. Es fängt schon bei der Wahl des Sattelbaumes an: fest, flexibel oder gar ohne Sattelbaum – fragt man drei Reiter bekommt man vier Meinungen. Die Auswahl der Sattler in den folgenden Beiträgen ist nicht repräsentativ oder marktabdeckend und eher meinem direkten Umfeld geschuldet. Ich bin mir jedoch sicher, dass die dabei gewonnenen Informationen viele Fragen beantworten. Daher reflektiere ich (hoffentlich) wertfrei das Wissen, das ich erhalten habe.

Handwerk trifft High-Tech

In diesem Beitrag gebe ich die vielen Informationen wieder, die ich bei meinem Besuch der Sattlerei Rieser in Obersteinebach im Westerwald mitgenommen habe. Die Firma Rieser hat eine große Expertise bei Sätteln für Westernreiten, Freizeit- und Wanderreiten. Sie produzieren auch Dressur- und Iberische Sättel, den Schwerpunkt für dieses Kapitel setze ich jedoch auf Sättel für das Westernreiten, gleichwohl viele der Fakten für alle Reitweisen und deren Sattelformen gelten. Im nächsten Kapitel berichte ich dann über eine andere Sattlerei und das weite Umfeld der Dressursättel.

Altes Handwerk, Sattlerei und Goldschmiede

An einem regnerischen Tag im Februar begrüßt mich Christoph Rieser in seinem Betrieb und führt mich zur Einstimmung durch alle Abteilungen. Neben den Arbeitsplätzen der Sattler und den funktionalen Räumen, die man dort erwartet, wie bspw. Lederlager oder Zuschneidetisch, war ich von der hauseigenen Goldschmiedewerkstatt überrascht. Mit etwas Abstand betrachtet ist es jedoch sinnvoll, denn gerade die Show-Sättel der Westernreiter benötigen oft viel Silber und Handarbeit. So kann alles aus einem Haus geliefert werden. Mit seiner Sattlerei und Goldschmiede hat Rieser über 30 Jahre Erfahrung in der Herstellung von Sätteln und Sattelzeug. Immer einen Besuch wert ist die Sattel-Sammlung aus Originalen und beeindruckenden Replikaten von Satteltypen des 19. Jahrhunderts, sowie aktueller Sattelmodelle und funktionalem Zubehör.

Neben dem Charme des Historischen setzt Rieser immer wieder Akzente in Forschung und Entwicklung, bspw. entspringt das von ihm erfundene und patentierte EQUIscan® Mess-System (“blaues Messgerippe”) den Bedürfnissen aus der Praxis. Neben dem handwerklichen Know-How bringt Rieser auch seine Erfahrungen als Reiter ein. Er kann auf große Erfolge in der Westernreiterei zurück blicken. Das hilft ihm bei der Beurteilung des Pferdes und des Reiters mit Blick auf die Arbeits- bzw. Reitweise.

Der Sattelbaum – das Herz des Sattels

In den Werkstätten sehe ich Sättel in verschiedenen Stadien der Fertigstellung, sowie hölzerne Sattelbäume vom Kundenaufträgen, die noch bearbeitet werden müssen. Interessiert betrachte ich die Sattelbäume, denn wie oft hat man als Reiter die Gelegenheit mal die Innereien eines Sattels hautnah zu sehen? Rieser hat mir bis dahin sehr detailliert und offen seinen Betrieb vorgestellt, aber nun sind wir beim Thema.

Dass ihm passende Sättel am Herzen liegen, spürt man immer mehr. Provokant frage ich ihn „Was halten Sie von modernen und flexiblen Bäumen?“. „Bei einem Sattel geht es in erster Linie darum, das Gewicht des Reiters so auf dem Rücken des Pferdes zu verteilen, dass keine Schmerzen oder langfristige Schäden entstehen. Idealerweise wird das Gewicht auf einer großen Fläche verteilt, so dass punktuelle Druckstellen vermieden werden. Drücken Sie einen Finger direkt auf eine Matratze. Dann legen Sie ein Buch auf die Matratze und wiederholen es mit dem Finger auf dem Buch, dann verstehen Sie was ich meine“, so Christoph Rieser. „Sattelbäume aus flexiblen Materialien geben dem Druck nach und reichen ihn punktuell auf den Pferderücken durch. Eine starre Konstruktion hingegen verteilt den Druck gleichmäßiger. Wichtig ist bei der starren Konstruktion, dass sie dem Rücken angepasst ist.“, ergänzt er. Die Versteifung dient dem Schutz des Pferdes, ist ein tragfähiges Gerüst und nützt bei der Befestigung von Ausrüstung, bspw. beim Wanderreiten. Und wie gut man die hölzernen Sattelbäume der Fa. Rieser anpassen kann, werde ich später noch erfahren.

Ist ein Kaltblut was Besonderes?

„Was muss bei einem Sattel für Kaltblüter besonders beachtet werden? Gibt es große Unterschiede zu Sätteln für Warmblüter?“ frage ich weiter. „Ein Kaltblut ist auch bloß ein Pferd.“ kommt als unerwartete Antwort, „Sättel werden nicht für bestimmte Rassen gebaut, sondern sind immer angepasst an die Konstitution, den Grad der Ausbildung und das Exterieur eines Pferdes. Dennoch gibt es Besonderheiten bei Kaltblütern. Sie haben oft breitere Schultern, einen runderen Rumpf oder tendieren eher zu einem kurzen Rücken. Das hat zur Folge, dass sich dadurch ein anderer Schwerpunkt des Sattels ergeben kann, der bspw. bei der Anbringung der Gurtung zu beachten wäre.“ erklärt Rieser.

Der bei Kaltblütern oft vorhandene flachere Rücken bedingt weiter auseinander stehende Auflageflächen für den Sattel und eine breite Kammer für optimale Freiheit der Wirbelsäule. Der Sattel sollte auch hinten mehr ausgestellt sein, um die mächtigere Hüfte und Kruppe nicht einzuschränken. Daher ist es wichtig die Bewegungen bei Vermessungen des Rückens zu beachten. Ebenso kann man nicht starr und blind vermeintlichen Grundsätzen folgen. Die oft gehörte Regel „der Sattelschwerpunkt darf nicht vor dem 14. Brustwirbel liegen und der Sattel darf nicht über den 18. Wirbel hinaus schauen“ ist im Grundsatz nicht falsch, dennoch definiert der jeweilige Pferderücken die Sattelform. Rieser bringt es auf den Punkt: Form folgt Funktion! Ein Beispiel: bei Sätteln für Langstreckenritte wird der Schwerpunkt eher von der Schulter weg, weiter nach hinten verlegt.

Der Sitz des Reiters

Auf breiten Pferden ergibt sich physiologisch ein anderer Sitz, der Reiter sitzt eher im Stuhlsitz. Ein langes Bein und klassischer Sitz ist schwerer möglich aufgrund der größeren Spreizung der Beine. Auch die großen Meister reiten so bei breiten Pferden, das ist nicht verwerflich und anders nicht möglich. Dem kann man durch die Anpassung des Sattels ein wenig entgegenkommen: durch eine leichte Erhöhung der Sitzposition und eine andere Formung der Bars (s. Abbildung „Anatomie eines Westernsattels“) ergibt sich eine vorteilhaftere Winkelung der Beine (s. Abbildung „Erhöhung Sitzposition und Winkelung der Bars“?). Sattler und Reiter müssen einen Kompromiss finden zwischen einer Sitzposition „nah am Pferd“ und der sich ergebenden Spreizung der Beine.

Skizze zur Veränderung der Sitzposition und der Spreizung der Beine
Erhöhung Sitzposition und Winkelung der Bars

Die Krux mit verstellbaren Kopfeisen

„Bei anderen Sätteln gefällt mir die Möglichkeit die Schulterfreiheit durch den Austausch von Kopfeisen verändern zu können. Bei Holzbäumen geht das nicht…“, werde ich wieder etwas provokant. Ich bekomme eine simple, aber logische Erklärung, warum dies nicht immer sinnvoll ist: durch den Austausch der Kopfeisen wird lediglich die Winkelung im Schulterbereich verändert, der Rest vom Sattel bleibt gleich. Wird ein Pferd durch Wachstum größer, bleibt typischerweise die Winkelung der Schulter gleich, es verändert sich die Breite. Die Vergrößerung der Schulterfreiheit geht mit einer breiteren Kammer einher. Ebenso wird aus einem Sattel für ein schmales Warmblutpferd durch ein breiteres Kopfeisen selten ein geeigneter Sattel für Kaltblüter. Die Änderung der Winkelung alleine reicht nicht, die Weite der Kammer muss auch beachtet werden, ebenso wie bspw. die Rippenwölbung.

High-Tech

Nun zeigt mir Rieser das Herz seiner Sattlerei. Erstaunlicherweise ist es nicht eine Werkstatt mit Sattelböcken und Ledergeruch, sondern ein Computerraum. Hier zeigt er mir die Möglichkeiten, die sich durch das 3D-Mess-System EQUIscan® ergeben, für das er schon mehrere Auszeichnungen erhalten hat. Neben dem bekannten, blauen Topografen aus Kunststoff gibt es ein ganzes Ökosystem an Technik, die Sattlern damit zur Verfügung stehen: Cloud-Anbindung, 3D-Software aus dem CAD Bereich und Apps für Smartphones. Mein Informatiker-Herz schlägt ein wenig höher…

„Die Schulter- und Lendenwirbel-Freiheit wird bei der Messung bewertet und bei der Produktion des Sattelbaums berücksichtigt. Die Kunst des Sattlers liegt im Augenmaß und der Erfahrung, man kann nicht einfach die gemessenen Werte des Rückens in Holz fräsen. Hierbei wird nicht, wie häufig vermutet, die gemessene Pferderückenform in die Unterseite des Sattelbaums gespiegelt, sondern Freiraum für die Bewegung gelassen. Bei der korrekten Passform eines Sattels bzw. Sattelbaumes geht es immer um die Freistellung im Schulter und Lendenwirbelbereich. Erst hierdurch kann sich das Pferd in seiner Bewegung frei entfalten.“ erklärt mir Rieser, während er im Computer das Modell des Sattelbaums eines konkreten Kundenauftrags lädt. Dabei blendet er das mit den Messdaten des Pferdes konfigurierte virtuelle Abbild des Messgerippes und das Modell des Sattelbaumes übereinander. Mit geschultem Auge und wenigen Mausklicks kann er das Computermodell des Sattelbaumes fast beliebig anpassen.

Durch die Ermittlung der einzelnen Winkel der über 90 Gelenke des Topografen, sowie der Lage im Raum, ist es möglich die Form des Rückens dauerhaft und reproduzierbar zu dokumentieren. Das ist ein entscheidender Vorteil gegenüber dem Drahtgitter, das sonst gerne zum Einsatz kommt. Die Entwicklung des Pferderückens kann somit über die Jahre verfolgt werden.

Durch die Konstruktion im Computer kann die Produktion des Holzbaumes durch moderne Holzbearbeitung mit CNC-Fräsen schnell und präzise erfolgen. Die grobe Ausgangsform des Sattelbaums wird durch erfahrene Holztechniker manuell aus verschiedenen Holzstücken mit unterschiedlichen mechanischen Eigenschaften, verleimt. Danach wird der Sattelbaum computergesteuert gefräst.

„Sie geben eine lebenslange Garantie auf die Anpassbarkeit des Sattels. Wie schaffen Sie es, einen Sattel für ein junges Pferd so zu konstruieren, dass es auch nach Jahren im Training immer wieder angepasst werden kann?“ frage ich Rieser. „Man muss immer einen Kompromiss zwischen Nutzung und Anpassung finden.“ erklärt er. Bei jungen Pferden planen seine Sattler im Schulterbereich mehr Holz bei den Bars. Wenn die Schulter in Laufe der Zeit breiter wird, kann das Holz später entfernt und der Baum dem Pferd angepasst werden. In einem umgekehrten Fall, wenn der Rücken an Muskulatur verlieren sollte und durch Polsterung der Verlust nicht ausgeglichen werden kann, wird zusätzliches Holz am vorhandenen Baum angeleimt und auf eine Messung manuell angepasst.

[weiter zu Teil 2 dieser Beitragsreihe]

Kaltblut und passender Sattel – ein Widerspruch? (Teil 2)

Nightinggale's Glory mit Omega Mercedes

Dressur, Barock und iberische Reitweisen

Im letzten Beitrag zu Sätteln für Kaltblüter (Teil 1) hatte ich den Fokus auf Westernsättel gelegt. In dem vorliegenden Beitrag möchte ich über Dressur-, Barock- und Iberische Sättel informieren und klären was man bei den Dicken dabei im besonderen beachten muss. Dazu konnte ich mich auf der Equitana Open Air 2016 in Neuss mit Gernot Weber, dem Inhaber der Fa. Signum Sattelservice, über die Möglichkeiten seiner Sättel unterhalten.

Gleich und doch nicht gleich

„Worin unterscheiden sich Ihre verschiedenen Sattelformen für das Pferd?“ frage ich neugierig, um einen Einstieg in unser Gespräch zu bekommen. „Die von Ihnen hergestellten klassischen Dressursättel, Barocksattel oder die Portugiesen sind doch offensichtlich sehr unterschiedlich!“

„Von der individuellen Rückenform jedes Pferdes abgesehen, gibt es aus Sicht des Pferdes keine Unterschiede. Auch wenn die Optik und die Sitzformen für den Reiter völlig unterschiedlich ausschauen und sich sitzen lassen, der für das Pferd wichtige Teil, die Auflagefläche und die tragende Konstruktion, ist im Grunde gleich.“ antwortet Weber.

Er erklärt mir, dass er und seine Kollegen bei ihren Sätteln viel Wert auf eine große Auflagefläche und flache Polsterung legen. Da macht es keinen Unterschied, ob der Sattel für ein Shetty, ein Warmblut, Vollblut oder Kaltblut ist. Weber bringt es auf den Punkt: „Es ist völlig egal, ob es große oder kleine Pferde sind oder welcher Rasse sie angehören, Haut ist Haut und merkt den Druck gleich empfindlich. Wenn ich Ihnen auf den Zeh trete ist es Ihnen auch egal, ob ich den großen oder kleinen Zeh getroffen habe. Tut beides gleich weh.“

(c) Signum Sattelservice

Signum Sattelservice hat einen eigenen semiflexiblen, anatomisch geformten Kunststoffsattelbaum mit exzellenter Torsionsfähigkeit entwickelt. So verbindet sich die notwendige Steifheit, um den Druck gleichmäßig verteilen zu können, mit einer ausreichenden Flexibilität, um die Bewegung des Pferdes nicht zu stören. Im Vergleich zu herkömmlichen Sattelbäumen bietet er eine fast dreifache Auflagefläche.

Größenvergleich Sattelbäume
Größenvergleich Sattelbäume (weißer, klassischer Baum auf rotem Flex-Baum), (c) Signum Sattelservice

Jeder Sattelbaum hat seine eigene, auf das jeweilige Pferd abgestimmte Geometrie. Sie unterscheidet sich nicht nur in Breite und Länge, sondern auch in der Ausformung für den Widerrist, der Kammerweite, dem sogenannten Schwung und insbesondere der Winkelung der Auflagefläche. Ein besonderes Augenmerk wird auf einen extrem breiten Wirbelsäulenkanal gelegt, der bis zu zwölf Zentimetern breit sein kann. Das deckt sicherlich die Bedürfnisse der Kaltblüter ab.

Breiter Wirbelsäulenkanal
Breiter Wirbelsäulenkanal, (c) Signum Sattelservice

Eine möglichst große Schulterfreiheit und ein breiter Wirbelsäulenkanal sollen dem Pferd freie und uneingeschränkte Bewegungsabläufe ermöglichen. Um die Schulterfreiheit auch für Kaltblüter realisieren zu können, nutzen die Sattler bei Signum Sattelservice besonders lange und stufenlos verstellbare Kopfeisen.

Der oft genannte „kurze Rücken“ des Kaltbluts ist nach der Erfahrung von Weber eher ein Mythos. Im Verhältnis zu den Körperproportionen mag der eine oder andere Kaltblutrücken kurz erscheinen, durch die schiere Größe der Kaltblüter jedoch ist die Sattellage ausreichend lang, so dass dies in den seltensten Fällen ein echtes Problem wird.

„Je nachdem wie sich das Pferd bzw. seine Muskulatur entwickelt und ausbildet, können wir den Sattelbaum beliebig oft nachjustieren und der Entwicklung möglichst optimal anpassen.“ stellt Weber noch einmal klar. Diese Anpassbarkeit sollte auch genutzt werden. Pferde verändern sich bei veränderter Intensität des Trainings oder im Laufe des Alters. Es ist zwar eine Binsenweisheit, an dieser Stelle erlaube ich mir dennoch diesen Hinweis: so manches Problem mit der Rittigkeit löst sich durch einen passenden Sattel.

Die Gretchenfrage

„Wie stehen Sie zu baumlosen Sätteln?“ will ich wissen. „Baumlos bezeichnet im Grunde keinen Sattel, sondern eher eine dicke Decke. Beide Systeme [mit Baum oder ohne, A.d.R] haben Ihre spezifischen Vorteile und Schwächen. Wir vergleichen hier jedoch Äpfel mit Birnen. Das ist für beide nicht fair.“ so Weber. „Dennoch muss man wissen, dass baumlose Sättel, wenn wir den Begriff in diesem Zusammenhang mal benutzen wollen, Druckspitzen auf den Pferderücken direkt durchreichen. Wenn man bspw. im Steigbügel steht, drücken die Riemen direkt auf den Rücken. Ein Sattel mit Baum hingegen rahmt das Pferd ein. Das kann auch ein Nachteil sein. Unter dem Strich sehen wir bei der Nutzung von Sattelbäumen aber mehr Vor- wie Nachteile.“

Ein Sattel muss zum Ausbildungsstand von Pferd und Reiter passen und auch gehobenen reiterlichen Ansprüchen der unterschiedlichen Disziplinen bzw. Reitweisen in individuellen Sitzausformungen Rechnung tragen. Als erfolgreicher Reiter der Working Equitation (bis hin zur Bronzemedaille bei Weltmeisterschaften) kann Weber durch seine große Erfahrung sehr gut einschätzen, wie ein Sattel zu Pferd, Reiter, Ausbildungsstand und Reitweise passt.

Gerade bei Sätteln für Kaltblüter hilft die Maßanfertigung gegenüber Modellen von der Stange. Die Dicken haben oft geschwungene Rücken, eine besondere Rippenwölbung und Rippenbogenwinkelung. Das macht eine Anpassung der Standardmodelle schwierig, ein individueller Sattel nach Maß berücksichtigt das alles.

Altes Handwerk und moderne Produktion

Bei Signum Sattelservice wird jeder Sattelbaum individuell nach Maß hergestellt und geformt. Dabei kommen neben handwerklichem Können der Sattler auch moderne Techniken wie CAD-gesteuerte Konstruktion und Produktion, sowie ständige Kontrolle während der Produktion durch Vermessung per Laser zum Einsatz.

Mein persönliches Fazit nach den Gesprächen mit zwei unterschiedlichen Sattlern, deren durchaus unterschiedliche Herangehensweise und den doch überraschend vielen Gemeinsamkeiten fällt sehr positiv aus: für unsere geliebten Dicken müssen wir beim Sattel keine Kompromisse mehr eingehen, egal für welche Reitweise wir uns entscheiden und welchen Ausbildungsstand Pferd und Reiter haben.

Kaltblut Hufe sind anders – oder doch nicht? (Teil 1)

Shire Horse Huf auf einer Hand (c) Tierfotografie Fabisch

Hufbeschlagsschmied und Barhufbearbeiter

Das weitreichende Thema Hufgesundheit beschäftigt Pferdebesitzer regelmäßig. Selbst wenn augenscheinlich die Hufe und der Bewegungsapparat gesund erscheinen, stellt sich spätestens nach längeren Gesprächen mit anderen Pferdemenschen bald die Frage, ob das jeweilige Pferd beschlagen werden sollte oder ob Barhuf die bessere Lösung ist. Wie bei fast allen Dingen im Leben gibt es immer Argumente dafür und dagegen, die jeweilige individuelle Situation ist entscheidend.

Einer der ganz großen Streitpunkte dabei ist, ob ein Hufbeschlagschmied oder ein Barhufbearbeiter sich um den Bewegungsapparat des Pferdes kümmern soll. Diese zwei, ich nenne sie an dieser Stelle der Einfachheit halber „Fachgebiete“, möchte ich näher beleuchten.

An dieser Stelle kommen zwei Experten für Kaltblut und im Speziellen für Shire Horse oder Clydesdale zu Wort.  Im folgenden Blog-Beitrag wird Ulrich Gerusel, ein bei Kaltblütern sehr erfahrener Hufbeschlagschmied, zu Wort kommen.

Im darauf folgenden Blog-Beitrag wird dann Christof Backhaus, DIfHO Hufbearbeiter, den Teil der Barhufbearbeitung näher beleuchten. Sie finden daher in den beiden folgenden Beiträgen hin und wieder augenscheinlich gegensätzliche Darstellungen und Meinungen, was bei dem komplexen Thema Hufbearbeitung nicht ungewöhnlich ist und auch nicht falsch im eigentlichen Sinne. Wenn die jeweiligen Fachleute Ihre Arbeit richtig machen, gelangen Sie auch mit unterschiedlicher Betrachtungs- und Herangehensweisen zum gleichen Ergebnis: einem funktionierenden und gesunden Huf.

Tellerhufe, Eisen und Irrtümer

Zum Einstieg, und mit Blick auf die Interessen der Leser, gestatte ich mir die Frage: was unterscheidet den Huf eines Warmblutpferdes von dem eines Kaltblutpferdes? Gibt es rassebedingte Unterschiede? Die Frage hat mir Gerusel, umgehend mit einem klaren „Ja und Nein“ beantwortet. Grundsätzlich sind die Hufe, und der restliche Bewegungsapparat gleich. Bei einigen Kaltblutrassen ergeben sich rassebedingt Unterschiede in der „Schuhgröße“ – die Mechanik, die Stellung und die Bewegungsabläufe sind physiologisch erst einmal gleich. Eine Ausnahme bilden jedoch Shire Horse und Clydesdale bei denen rasse- und zuchtbedingte Unterschiede vorhanden sind. Hierauf komme ich später zurück.

Die Größe der Hufe eines Kaltblut führen uns auch gleich zu dem Punkt, warum nicht alle Schmiede Kaltblut Hufe bearbeiten möchten. Angefangen beim Beschlagsmaterial, über die größeren Werkzeuge, dem größeren Ofen bis hin zum zeitlichen Mehraufwand, wird es schwierig geeignete Schmiede zu finden. Die Kaltblut Besitzer kennen das, praktisch alle Zubehörteile müssen in XXL erworben werden.

Auf meine Frage, warum trotz der gleichen Biologie, beim typischen Kaltblut andere Probleme mit dem Bewegungsapparat auftreten als beim typischen Warmblut, wird Gerusel nachdenklich und holt etwas aus. Viele der Probleme, die er in seinem Berufsalltag vorfindet, sind oft hausgemacht. Das hat etwas mit den Marktpreisen der Kaltblut zu tun, mit der Aufzucht und der späteren Haltung. An dieser Stelle ist es ihm wichtig nicht zu pauschalisieren! Es gibt viele Züchter und Besitzer, die sich sehr sorgsam und mit viel Fachkenntnis um ihre Pferde kümmern, jedoch zeigt seine berufliche Praxis, dass es auch anders kommen kann. Im Folgenden beschreibt er daher die Ursachen, die zu den typischen Kaltblut Hufproblemen führen können.

Kaltblüter erreichen schon in Ihrer Jugend mehr Körpermasse als vergleichbare Warmblüter, dieses Gewicht belastet Muskeln, Knochen, Sehnen, Knorpel und Gelenke. Daher ist es wichtig von Fohlen an dafür zu sorgen, dass das Wachstum des Bewegungsapparates durch ausreichendes und richtiges Mineralfutter unterstützt wird. Mangelnde und/oder falsche Bewegung tragen ebenfalls zu den Schädigungen bei. Auch die Fütterung kann Schäden herbeiführen, oft wird zu viel und falsch gefüttert. Zudem lastet dem Kaltblut der Ruf an, robust zu sein und einiges vertragen zu können. Leider wird daraus manchmal abgeleitet, dass Kaltblut daher mehr wegstecken können und mit preiswerterem oder weniger Aufwand gehalten werden können. Dem ist leider nicht so, gerade Shire Horse und Clydesdales sind eher empfindlich und neigen schneller zu Krankheiten als andere Kaltblut Rassen.

Gewichtsträger?

Auch der Mythos des Kaltblut als „Gewichtsträger“ führt durch die höheren Belastungen zu Problemen. Egal welches Pferd betrachtet wird, ein Gewichtsträger ist es nicht durch die Rasse, sondern eher durch den Stand der Ausbildung und dem geeigneten Exterieur. Die Rückenlänge, die Knochen, die richtige Bemuskelung und der Stand der Ausbildung entscheiden darüber, ob das Pferd sich selbst und den (schweren) Reiter tragen kann. [An dieser Stelle möchte ich auf das Kapitel “Mythos Gewichtsträger” im Buch verweisen, bei dem in einem Gastbeitrag erklärt wird, welche Voraussetzungen ein Pferd benötigt,  schwere Reiter tragen zu können (bzw. warum manchmal auch nicht)]

In ungünstigen Fällen kommt es daher zu degenerativen Erscheinungen und Überlastungen. Krongelenkschale und Hufknorpelverknöcherung sind Beispiele hierfür durch zu hohes Gewicht und zu wenig Durchblutung aufgrund mangelnder Bewegung. An dieser Stelle ist es wichtig, dass der Pferdebesitzer Veränderungen rechtzeitig erkennt und dafür sorgt, dass umgehend fachmännische Hilfe zur Anwendung kommt. Es passiert leider zu oft, dass zu viel Zeit damit verbracht wird andere Laien um Rat zu bitten und durch Fehlbehandlungen das Problem zu verschlimmern, anstatt gleich auf den Fachmann/frau zuzugehen. Neben Schmied oder Hufbearbeiter ist auch Ihr Tierarzt der richtige Ansprechpartner. Es gibt mittlerweile sehr gute Diagnostik, um die oben beschriebenen Probleme noch im Ansatz zu erkennen und proaktiv behandeln zu können. Dabei kann der richtige Beschlag helfen.

Massive Schale am Krongelenk
Massive Schale am Krongelenk (c) Tierosteopathie Braun
Hufknorpelverknöcherung (HKV)
Hufknorpelverknöcherung (HKV) (c) Uli Gerusel

Beschlag oder Barhuf?

„Bei vernünftiger Haltung muss nicht zwingend ein Beschlag verwendet werden, auch ein Shire Horse oder Clydesdale kann gut Barhuf gehen“, sagt Gerusel. „Anders wird es, wenn das Shire Horse oder Clydesdale als Arbeitspferd eingesetzt wird. Ich meine damit nicht eine Stunde Arbeit in der Bahn oder im Gelände, sondern intensive Kutschfahrten oder Wanderritte.“

Hier kann es aus Gründen des übermäßigen Abriebes auf Asphalt/Stein sinnvoll sein, durch Eisen mit Stiften [für den besseren Halt auf Asphalt. A.d.R.] den Huf zu entlasten. Wie bei jedem Heilmittel, gibt es auch hier Nebenwirkungen, die bekannt sein müssen. Beim natürlichen Abfußen (Barhuf oder ohne Stifte) rutscht der Huf durch die Schwungmasse der Glieder minimal nach vorne. Stifte geben auf Asphalt mehr Griff und verhindern das Rutschen. Der gesamte Bewegungsapparat wird dadurch stärker beansprucht („gestaucht“). Beim höheren Gewicht des Shire Horse oder Clydesdale belastet das schnell die Gelenke. Trotz der augenscheinlichen Nachteile bringen diese Beschläge aber deutliche Vorteile bei der Arbeitssicherheit für Pferd und Mensch. Hier muss individuell abgewogen werden, was das Richtige ist.

Solche Arbeitsbeschläge müssen nach spätestens sechs, maximal acht Wochen erneuert und der Huf entsprechend seinem Wachstum und der spezifischen Arbeit entsprechend bearbeitet werden, auch wenn der Huf oder der Beschlag es noch nicht fordern. Die „Rückstellung“ des Hufes durch die Bearbeitung ist für das Pferd belastend. Ein Huf wächst typischweise im Durchschnitt 12mm bis 15mm in zwei Monaten. Wenn das wieder weggenommen wird, verändert sich automatisch die Abfußung, die Stellung, etc. Daran muss sich der Bewegungsapparat erst wieder gewöhnen, was bei Pferden in Arbeit zu beachten ist. Größere Fehlstellungen benötigen daher einige Zeit, bis der Huf und die Biomechanik des Bewegungsapparates wieder die für das Pferd „richtige“ Form und Stellung hat. Hier muss in vielen kleinen Schritten das Ziel erreicht werden.

Besonderheiten der Kaltblüter

Kommen wir nun zum Eingangs erwähnten Unterschied des Shire Horse oder Clydesdale zu Kaltblut und Warmblut. Neben den im obigen Text beschriebenen Einflüssen des Menschen auf die Qualität des Bewegungsapparates, hat das Shire Horse, durch seine Zucht rassetypisch bedingt, eine etwas andere Form der Hufe und der Beinstellungen. Die englische Shire Horse Society wünscht beim Shire Horse die Hinterbeine eng gestellt. Die Gliedmaße unterhalb des Sprunggelenkes stehen zusammen („hocks together“) mit einer leichten Außenstellung der Zehen. Das ergibt eine Y-artige Beinstellung die nicht mit „Kuh-hessig“ verwechselt werden darf, das wären X-Beine. Auch sollen die Hufe flach und breit sein. Das gibt ihnen ein Entenfuß-ähnliches Aussehen. Durch diese Hufform, die bei in England gezogenen Pferden besonders ausgeprägt ist, ist die Hufwand (im Seitenprofil betrachtet) nicht trapezförmig, sondern erfährt eine leichte, nach innen gerichtete Rundung. Dadurch ergibt sich beim Huf des Shire Horse ein ausgeprägtes Zehenwachstum im Vergleich zum Röhrenwachstum anderer Rassen. Der Huf „schiebt nach vorne“. Oft ist zu beobachten, dass die Trachten dabei unterschieben.

Verschiedene Beinstellungen bei Pferden, rechts das "hocks together" bei Shire Horse und Clydesdale
Verschiedene Beinstellungen bei Pferden, rechts das “hocks together” bei Shire Horse und Clydesdale (c) Kirsty Farnfield

Statistisch nicht belegt, aber durch mehrere Schmiede/Hufbearbeiter beobachtet, ist die Tendenz, dass Shire Horses hinten gerne leicht bockhufig stehen. Auch die Korrektur der englischen „Tellerfüße“ kann langwierig sein, nicht immer führt es zum gewünschten Erfolg. Diese beim Shire Horse besonderen Hufformen müssen beim Ausschneiden und Anpassen beachtet werden. Hier ist es hilfreich, wenn der Schmied oder Hufbearbeiter Erfahrung mit Shire Horse oder Clydesdale hat.

Kaltblut Hufe sind anders – oder doch nicht? (Teil 2)

Warum die Vermeidung von Beschlägen sinnvoll sein kann

Nachdem wir im vorherigen Blogbeitrag (Teil 1) wichtige und interessante Informationen zur Anatomie der Hufe, insbesondere beim Shire Horse und Clydesdale, sowie den Möglichkeiten und Grenzen von Beschlägen kennen gelernt haben, wenden wir uns in diesem Beitrag der Barhufbearbeitung zu. Ideologisch betrachtet setzen wir uns damit in die andere Ecke des Rings. Aber sowohl Uli Gerusel, mein Experte im letzten Beitrag, als auch Christof Backhaus, DIfHO Hufbearbeiter und mein Experte für diesen Beitrag, sind lange genug im Leben angekommen und wissen um die Vorteile und Möglichkeiten ihrer jeweiligen Professionen.

„Ein Huf muss so bearbeitet werden, dass er funktioniert“, bringt es Backhaus auf den Punkt. „Jo!“, denke ich mir, „Ist ja ganz einfach.“ – und saß die nächsten zwei Stunden bei ihm in der Stallgasse, wo er mir am Beispiel einer seiner Shire Horse Stuten erklärte, was er damit meint. Ich bekomme dabei einen Abriss seiner zweijährigen Ausbildung zum DifHO Huforthopäden nach Jochen Biernat.

Huf und Funktion

Sein Ziel ist es, die auf den Huf wirkenden physikalischen Kräfte (Abrieb und Bodengegendruck) zu nutzen, um ungünstige Belastungen und damit verbundene Verformungen des Hufs mittels einer geeigneten Bearbeitung umzukehren. Es sind physikalische Kräfte, die einen Huf verformen. Es sind aber auch diese Kräfte, mit denen man Hufe orthopädisch wieder richten kann. Die richtige Hufphysik, die Statik, die Druck- und Hebelverhältnisse müssen stimmen. Dabei ist ihm Ursachen- und nicht Symptombehandlung wichtig. Man muss die richtigen Fragen stellen, um der Ursache auf den Grund zu gehen. Gerade bei Kaltblütern mit ihrem höheren Gewichten ist ein ausbalancierter Huf wichtig. Wie bei einem ausgelatschtem Schuh kann sich bei veränderter Abfussrichtung die Stellung der Gelenke ändern und die darüber stehende Knochensäule dreht sich mit. Das wiederum schadet dem ganzen Bewegungsapparat.

Für ihn als Barhufbearbeiter sind Hufbeschläge (egal ob genagelt, geklebt oder als Hufschuh) als reiner Abriebschutz zu sehen, nicht mehr und nicht weniger. Bei in Arbeit stehenden Pferden kann es durchaus notwendig sein die übermäßige Abnutzung zu stoppen, bevor der Huf sich stärker abreibt als er nachwachsen kann. Dennoch muss die Hufphysik stimmen. Backhaus ist es wichtig zu betonen, dass er nicht kategorisch gegen Beschläge ist, nur sollte die Entscheidung gut überlegt, sowie die Vor- und Nachteile genau abgewogen werden. Wenn z.B. Eisen verwendet werden, muss man u.a. wissen, dass sich sehr häufig die Trachten schneller abnutzen als die Zehe. Betrachten Sie einmal bei abgenommenen Eisen die Stellen auf denen die Trachten sitzen. Dort können leichte Vertiefungen entstehen, die die Trachten in das Eisen gearbeitet haben. Daher muss beim Eisenwechsel nicht nur das Horn weggenommen werden das nachgewachsen ist, sondern die Druck- und Kräfteverhältnisse müssen wieder richtig angepasst werden.

Barhufbearbeitung, Trachten und lange Zehe, vor der Bearbeitung
Untergeschobene Trachten und lange Zehe, vor der Bearbeitung, (c) Christof Backhaus
Barhufbearbeitung Trachten, 6 Monate später
Gleicher Huf nach Barhufbearbeitung, 6 Monate später, (c) Christof Backhaus

Einen Hauptnachteil eines Beschlages sieht Backhaus in der Beschränkung der Hufmechanik, wodurch die Durchblutung verringert wird, was zu gesundheitlichen Problemen führen kann (schlechtes Hornwachstum, schlechte Hornqualität, …). Auch die starke Reduzierung des Tastsinns der Hufe führt tendenziell eher zu Überlastungen und einer schlechten Ausbalancierung auf unebenem Untergrund. Ebenso wird die Hufpflege durch Beschläge erschwert, was wiederum schnell zu Fäulnis führen kann. Neben der erhöhten Rutschgefahr weist er noch einmal auf den verstärkten Abrieb der Trachten hin, wodurch die Überstreckung der Fußgelenke gefördert wird. Gerade wegen letzterem muss ein beschlagener Huf auch orthopädisch richtig bearbeitet werden. Einfaches Ausschneiden, nur um das nachgewachsene Horn zu kürzen, reicht nicht. Dazu aber später mehr.

Aber auch ein Barhuf ist nicht automatisch ein guter und gesunder Huf. Bei weitem nicht! „Nur durch die fachgerechte Bearbeitung eines Barhufes von einem Spezialisten – egal ob das ein Huforthopäde, ein Hufpfleger, ein Schmied oder sonst wer ist – welcher genau weiß wie ein Huf funktioniert und die auf einen Huf einwirkenden Kräfte entsprechend richtig steuern kann, haben Pferd und Besitzer langfristig Freude an gesunden Hufen.“ betont Backhaus.

Besonderheiten beim Shire Horse und Clydesdale

Wie schon im letzten Beitrag beschrieben, findet man besonders beim Shire Horse und Clydesdale rassebedingt häufig ungerade, seitlich wegdrückende Hufwände. Neben den Hebelkräften, die dort wirken, schadet es auch der Hornsubstanz. Typisch bei ihnen ist das oft dick aufgepacke und weit nach unten an der Hufwand gezogene sogenannte „Basthorn“. Die Hufwand besteht aus vielen kleinen Hornröhrchen, die zusammen die tragende Wand bilden. Wird am Kronrand beginnend das eigentlich gerade wachsende Horn „gebogen“ bzw. gehebelt, dann brechen die äußeren Röhrchen auf und bilden dann das Basthorn. Bildlich gesprochen: nehmen Sie eine handvoll Spaghetti in beide Hände und biegen diese vorsichtig bis die ersten Nudeln brechen: so entsteht Basthorn.

Wenn bei beiden Rassen nicht von Geburt eine vernünftige Hufform erarbeitet wird, sind signifikante Hufprobleme in den folgenden Jahren sehr wahrscheinlich. Durch den hohen Druck und der rassebedingten Hufanatomie muss man jedoch meistens Kompromisse finden. Der Huf beim Shire Horse ist, so merkwürdig das auch klingen mag, von der Proportion her zu klein für das Pferd und muss dennoch hohen Kräften Stand halten. Andere Kaltblüter haben ein besseres Verhältnis der Hufgröße und Wandstärke zur Körpermasse. Shire Horses und Clydesdales haben aufgrund der Entwicklung der Rasse noch viel Vollblut eingekreuzt. Durch das hohe Gewicht der Pferde führt der hohe Druck zu „Kotflügeln“ (nach außen laufende seitliche Hufwände) und Trachtenlast, die Zehe wird entlastet und „schnabelt“. Daher haben gerade diese Pferde in Großbritannien, mit ihren durch die Bearbeitung absichtlich herbeigeführten Tellerhufen, die größten Probleme. Denn die nach außen laufende, flache Hufform hebelt besonders gut.

Typisch sind oft Risse, die im Vorderhuf meistens seitlich auftreten. Sie entstehen durch die Spannungen der ungleich auseinander strebenden Hufwände. Barhufbearbeiter korrigieren Risse, indem die Ursache (Hebel und gegeneinander wirkende Kräfte) beseitigt wird. Das bei Rissen oft gesehene „zwingend notwendige“ Eisen behebt nur das Symptom, beseitigt aber für sich alleine nicht die Ursache, die Hebelkräfte sind immer noch da.

Barhufbearbeitung Riss vorher
Shire Horse Huf mit deutlichem Riss, (c) Christof Backhaus
Barhufbearbeitung Riss, 4 Monate später
Gleicher Huf, 4 Monate später,(c) Christof Backhaus

Das andere Ende

Neben den tragenden Hufwänden hat ein Huf „unten rum“ noch weitere Bestandteile, die nicht unwichtig sind. Für mich war bspw. neu, dass der Strahl nach dem Ausschneiden so gekürzt wird, dass er keinen primären Bodenkontakt hat, wenn das Pferd normal auf dem Huf steht. Nur wenn der Huf im Boden einsinkt, dämpft der Strahl den Druck. Meinen fragenden Blick sehend erklärt er gleich warum: „Der Strahl hält dem primären Bodendruck dauerhaft nicht Stand. Wird er zu sehr beansprucht, bilden sich sog. Milchtaschen, die Substanz des Strahls weicht milchig auf. Auch entstehen rote Einfärbungen durch Quetschungen der Lederhaut im Strahl.“. Ein Barhufbearbeiter schneidet die Sohle nicht einfach nur aus, um Platz zu schaffen, sondern glättet sie, nimmt Unebenheit weg und formt sie zusammen mit den Eckstreben zu einer tragenden Komponente.

Apropos Strahl – kommen wir zum Schreckgespenst der Wintermonate: Strahlfäule. Auf meine Frage nach dem perfekten Mittelchen gegen die Fäule kann sich Backhaus ein Grinsen nicht verkneifen: „Der beste Schutz ist richtiges Ausschneiden. Die Fäulnis-verursachenden Bakterien lieben feuchtes, warmes Klima unter Ausschluss von Sauerstoff. Also lautet die Lösung: Luft dran kommen lassen und möglichst trocknen halten.“ Aber Vorsicht! Der vielfach beliebte Jodoformäther trocknet zu viel und zu schnell aus, die Lederhaut nimmt Schaden, es entsteht totes Horn, das mehr schadet als es nützt. Strahlfäule ist zu 90% ein Bearbeitungsproblem, weniger ein Pflegeproblem und lässt sich bei Beschlägen nicht immer verhindern.

Aufgrund von Fäulnis und der dadurch entstehenden Zersetzung des Horns durch anaerobe (sauerstoffmeidende) Bakterien können Hufgeschwüre entstehen, die sich bildende Flüssigkeitsblase drückt gegen die Lederhaut, es kommt zu Schmerzen und damit auch zu Lahmheiten. Dagegen gibt es eine sinnvolle Maßnahme: Das Hufgeschwür möglichst vollständig öffnen, Luft daran kommen lassen und loses Horn entfernen. Die Steigerung davon ist der Hufkrebs, er entsteht durch eine völlig überlastete, gereizte Lederhaut, die kollabiert und zum Hufkrebs blumenkohlartig aufquillt.

Er entsteht aufgrund chronischer Überreizung z.B. durch Hufgeschwüre (s.o) oder durch extreme Fehlbelastungen (bspw. durch Zwanghufe).

„Gibt es Möglichkeiten, wie wir Pferdemenschen die Hufe unterstützend pflegen können?“, frage ich Backhaus. Von der Antwort war ich überrascht, er rät von auf dem Markt vorhandenen Produkten ab und empfiehlt eine sinnvolle und regelmäßige Hufbearbeitung durch einen Fachmann bzw. eine Fachfrau. Die gerade im Sommer gerne durchgeführte Wässerung der Hufe ist nutzlos und schadet eher, denn ein Huf kann Wasser nicht aufnehmen. Es quillt lediglich die äußerste Schicht etwas auf und dadurch reibt sich das Horn auf dem trockenen, harten Sommerboden schneller ab. Bei Pferden, die Hufschuhe tragen müssen, ist zu beachten, dass diese nicht rund um die Uhr getragen werden, der Huf muss Gelegenheit haben abzutrocknen. Was viele nicht wissen: Pferde schwitzen auch über den Huf, so dass sich im Hufschuh immer ein feuchtes Klima entwickeln wird.

Fachbeiträge im Blog

Ich werde in regelmäßigen Abständen im Blog Fachbeiträge aus dem Buch und aus anderen Quellen posten. Ich möchte so im Laufe der Zeit neben dem Buch auch über den Blog allen Interessierten die Möglichkeit bieten rund um Shire Horse und Clydesdale gesammeltes Fachwissen zu finden.

Wenn ihr besondere Themenwünsche habt, sagt mit über die verschiedenen Kontaktmöglichkeiten Bescheid.

Den Anfang mache ich mit Informationen zum Thema Hufeisen und Barhufbearbeitung. Später folgt dann der aktuelle Stand zum Thema Warzenmauke. Da tut sich gerade einiges in der Forschung.