Kaltblut und passender Sattel – ein Widerspruch? (Teil 3)

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Auf der ewigen Suche nach passendem Zubehör fiel mir auf, dass in einigen Foren und Social Media Gruppen immer wieder Hinweise auf die Sattelmarke „Massimo“ auftauchten. Einen Kaltblut Sattel in richtiger Passform zu bekommen ist bekanntermaßen nicht ganz einfach. Neugierig geworden schrieb ich die Firma mit Sitz in Wegberg an. Es entstand ein sehr freundlicher Kontakt mit Janine Pauls (geb. Zeitler), die mich an einem schönen, sonnigen Tag durch den Betrieb führte.

Aus der Not zur Tugend

Um mich ein wenig auf den Besuch vorzubereiten, stöberte ich vorab auf der Firmen-Webseite www.massiomo-sattel.de. Dort fand ich einen der häufigsten Gründe, warum jemand in einem augenscheinlich satten Markt erfolgreich mit einer neuen Geschäftsidee startet: es gab nichts Passendes für den eigenen Bedarf! In diesem Fall: für den 3-jährigen Coloured Cob (oder auch Irish Tinker) Wallach Shannon der Tochter fand sich kein passender Sattel. So entstand vor über 22 Jahren ein bis heute funktionierender und profitabler Zweig des Familienbetriebes.

„Gut 800 kg Kuschelmasse wollten sich einfach nicht in die herkömmlichen Sattelmodelle ‚pressen‘ lassen. In solch einem Fall ist es gut an der Quelle zu sitzen und über viele Kontakte zu verfügen, die helfen könnten. Es wurde jedoch schnell klar, dass es nahezu als unmöglich galt die großen/dicken/kräftigen Pferde mit Standardsätteln zu versorgen.“, so Pauls auf meine Eingangsfrage nach den Ursprüngen der Firma.

Die Firma ihrer Eltern „Zeitler Sport und Freizeit“ ist keine Sattlerei im klassischen Sinn. Bereits vor der Entstehung der Marke Massimo verkauften sie Sättel unter eigenem Namen. Diese stammten aus englischer Produktion. Letztendlich passte keiner von ihnen auf Shannon. Auch andere Händler konnten nicht helfen. Fündig wurden sie über gute Kontakte bei dem argentinischen Sattler Jorge Canaves. Er baute nach den Vorgaben Zeitlers einen Sattel in Kammergröße 36. Es war der erste Sattel, der perfekt auf Shannon passte. Der Prototyp der neuen Marke Massimo war geboren.

Danach ging es zügig weiter. Nach dem Vielseitigkeitsmodell folgte bald der „Dressur I“. Die verfügbaren Kammerweiten wurde bis auf 42 erhöht. Diverse Sitzgrößen, Pauschen und Farben kamen hinzu, denn auch die Individualität der Reiter will bedient werden. Mittlerweile bietet Massimo verschiedene Sattel-Modelle für Vielseitigkeit, Dressur, Springen und Wanderreiten an. Für Freunde der Island-Pferde und deren besonderen Anforderungen gibt es ebenfalls passende Sättel. Eine Besonderheit auf dem Markt ist sicherlich der Sattel „Massimo Smile“, ein an die speziellen Erfordernisse der therapeutischen Arbeit mit Pferden angepasster Sattel. Er ermöglicht motorisch eingeschränkten Menschen das Glück auf dem Rücken der Pferde zu genießen. Ein besonders stabiler Griff zum Festhalten, sehr flexibel anpassbare Pauschen und Kissen, sowie weitere Besonderheiten sichern den Sitz der Reiter. Dadurch können auch sanfte Kaltblüter als Therapiepferde eingesetzt werden. Wer sich für solch einen Sattel interessiert, sollte aufgrund der großen Individualität am sinnvollsten direkt mit Fa. Zeitler Kontakt aufnehmen.

Massimo ist die italienische Form des lateinischen Namens Maximus („der Größte“), die meisten Kunden verbinden Massimo jedoch eher mit Masse. Beide Analogien führen den Kunden letztendlich zu passenden Sätteln für ungewöhnliche Pferde. Mittlerweile liegt der Fokus nicht nur bei den „Dicken“, auch schlankere Sportpferde finden bei Zeitlers ihr Glück.

Besonderheiten und Alleinstellungsmerkmale

„Was macht Ihre Sättel so besonders? Warum schaffen Sie es, dass ihre Modelle gerade bei den kräftigeren Pferden perfekt passen?“ möchte ich von Pauls wissen. Ihrem Blick sah ich an, dass sie und ihre Familie durchaus stolz auf das Geschaffene sind. „Neben der notwendigen Wirbelsäulenfreiheit durch große Kammerweiten, sind es vor allem die eigenen Erfindungen und Verbesserungen, die wir zusammen mit unserem Hersteller in Südamerika in unseren Sätteln verbauen. Wir können bspw. besonders kurze Sättel mit der benötigten breiten Auflagefläche anbieten. Auch unsere besondere Form der Kopfeisen orientiert sich an den Bedürfnissen kräftiger Schultern und breiter Rücken.“ antwortet sie. Diese sind relativ kurz und leicht nach hinten gebogen, wodurch sich die gute Schulterfreiheit ergibt. Das direkte Feedback der Händler und Sattler hilft die Funktionalität zu verbessern. Durch stetige Optimierungen bleibt die Marke Massimo vielseitig und hebt sich vom Wettbewerb ab.

Bei Zeitlers wird großer Wert auf ein familiäres Umfeld gelegt. Ein Großteil der Endkunden kommt aus dem Bereich der Freizeitreiter, auch wenn der Anteil der Sportpferde mit Massimo Sätteln größer wird. Das macht die Marke authentisch.

Die dritte Generation der Zeitlers bringt sich bereits in den Betrieb ein. Eine süße Anekdote lieferte die damals 2-jährige Tochter von Pauls. Eine Kundin stand vor einem Sattel und sagte: „Das ist ein toller Vielseitigkeitssattel!“. Die Kleine, die mit ihrer Mutter neben der Kundin stand, nahm den Nucki aus dem Mund und sagte belehrend: „Dreeessuuhur! Lange Nupfen!“ und meint damit die langen Strupfen, weshalb es nur ein Dressursattel sein kann.

Wie kommt ein Kunde an seinen Sattel?

Der Verkauf an Endkunden erfolgt europaweit ausschließlich über Sattler oder Fachhändler. Von ihnen wird der Sattel letztendlich an das individuelle Pferd angepasst, denn kein vorgefertigter Sattel passt auf Anhieb. Das wäre ein Glückstreffer. Die lokalen Sattler kennen das jeweilige Kundenpferd und die Sättel der Marke Massimo. Sie wissen wie sie angepasst werden müssen und kennen alle Variationsmöglichkeiten, bspw. durch verschiedene Kissenarten.

Zeitlers haben ein großes Warenlager mit bis zu 500 vorbereiteter Sättel in Wegberg, sodass nach Bestelleingang in aller Regel umgehend geliefert werden kann. Von Kammerweite 27 bis 42 (bei Bedarf auch mehr), bis zu vier Sitzgrößen, zwei verschiedene Arten Polsterkissen und verschiedene Sattelmodelle unterschiedlicher Längen. Praktisch jede Kombination davon ist sofort lieferbar. Sonderanfertigungen sind ebenfalls möglich und werden individuell gefertigt. Dann ist die Wartezeit jedoch ein wenig länger.

Die Produktion erfolgt in Paraguay. Dort gibt es eine deutsche Enklave, wodurch die Kommunikation vereinfacht wird. Mittlerweile erreichen wöchentliche Lieferungen aus Südamerika das Warenlager. Auch ein umfangreiches Ersatzteillager wird in Wegberg vorgehalten, welches zum Glück selten gebraucht wird.

Führung durch das Lager

Bei meinem Besuch vor Ort stand nun der Gang durch das Warenlager an. Hunderte fertiger Sättel sind schon ein beeindruckendes Bild. Sortiert nach Modellen, Größen und Farben sah es nach einer verdammt großen „Sattelkammer“ aus. Während wir durch die Gänge streiften, erklärte mir Pauls direkt am Objekt, was ihre Sättel ausmacht. So ergab sich ein lockeres Gespräch während wir verschiedene Themen „abarbeiteten“.

Blick in das Sattellager
Blick in das Sattellager

Um bei Bedarf eine ausreichend große Auflagefläche zu erzielen, können Sattler bei Massimo zwischen Keil-Kissen und französischen Kissen wählen. Erstere sind die „normalen“ Kissen, so wie man sie kennt. Die französischen sind etwas flacher und breiter. Diese kommen bspw. zum Einsatz, um kurzen Sätteln dennoch ausreichend Auflagefläche bieten zu können. Zu lange Sättel behindern das kurze Pferd, drücken auf die Nieren und stören die Bewegung. Kaltblüter haben ihrer Erfahrung nach tendenziell kürzere Rücken. Das ist vorteilhaft für die Arbeit am Zug und vor Kutschen, führt beim Reiten jedoch zu den gerade beschriebenen Besonderheiten.

Es sind die Details, die eine gute Sattelberatung ausmachen. Bei obigem Beispiel des Typus „kurzes Pferd“ kann es sinnvoll sein, nicht den Vielseitigkeitssattel mit weit geschnittenem Schweißblatt zu wählen. „Bei solchen Fällen empfehlen wir eher einen Dressursattel mit gerade geschnittenen Blatt. Das stört die freie Bewegung der Schulter weniger.“ so Pauls.

Als wir bei den Sätteln durch waren, kamen wir zu den Regalen mit dem Zubehör. Neben den Verbesserungen bei den Sätteln ergaben sich im Laufe der Zeit eigene Innovationen beim Zubehör. Bspw. Gurte mit gleitenden V-Strupfen für die „Kugelfische“, bei denen öfters nachgegurtet werden muss. Oder Steigbügelgurte mit kleinerem Abstand zwischen den Löchern. „Bei Kaltblütern sollten besser Gurte ohne Elastik verwendet werden, da sonst der Sattel auf der anderen Seite heruntergezogen wird. Besser ist es auf beiden Seiten ins äußerste Loch zu gurten und diese dann abwechselnd stückweise anzuziehen, damit der Sattel auf dem Pferderücken gerade bleibt.“ weist Pauls auf eine weitere Besonderheit bei Kaltblütern hin. Gurte gibt es bei Zeitlers in Leder oder Synthetik. Sie bleiben formstabil durch gekreuzte Nylonbänder und krempeln sich dadurch nicht um.

Eine weitere Eigenentwicklung ist ein 5-fach verstellbares Vorderzeug. Durch die besondere Führung der Gurte zieht es sich letztendlich so hin, wie es am besten passt und weniger Druckstellen verursacht.

Klett-Pauschen werden von Kunden verstärkt nachgefragt. Derzeit ist es bei zwei Modellen der Dressur Sättel möglich unterschiedlich stark ausgeprägte Pauschen durch ein Klett-System bei Bedarf selber zu wechseln. In Kürze wird das System auch für andere Modelle erhältlich sein. Dadurch können unterschiedliche große Pauschen vor und/oder hinter dem Reiterbein angebracht werden.

Einen letzten praktischen Tipp gibt sie mir am Ende noch vor einem Pferdemodell, auf dem gerade ein Sattel aufliegt: „Die richtige Sattellage finden Sie nicht, wenn Sie den Sattel vom Widerrist aus nach hinten schieben. Legen Sie den Sattel vor die Kruppe und schieben Sie ihn von dort aus nach vorne, bis er von selber stoppt.“ Erstaunt probiere ich es aus. Sie hat Recht, das ist wirklich einfacher und deutlich zu fühlen. Um die evtl. gegen den Strich geschobenen Haare solle ich mir keine Sorgen machen, nach ein paar Schritten legen die sich wieder richtig.

Das war nun mein dritter Besuch bei einem Hersteller von Sätteln, die sich für die kräftigeren Pferde mit mehr Schulter nutzen lassen. Ich hoffe mit diesem Bericht den ewig Suchenden unter den Kaltblut-Besitzern und -Reitern wieder ein Stück weiter geholfen zu haben.

Podcast “Kernkompetenz-Pferd”

Podcast und Webseite Kernkompetenz-Pferd

Ich bin bekennender Fan von Podcasts. Beim Stöbern im Internet auf der Suche nach mehr wissenschaftlichem Futter für meinen Wissensdurst, bin ich auf die sehr interessante Webseite und den Podcast der Tierärztin Dr. Veronika Klein gestoßen. In ihren Podcasts liefert sie in kurzweiligen Folgen von etwa 15 bis 30 Minuten Länge viel Wissen.

In bisher knapp 60 Folgen erklärt Sie so ziemlich alle Themen, die uns Pferde-Narren interessieren könnten. Dabei deckt sie viele wichtige Themenbereiche ab: von den Grundlagen zur Pferdegesundheit, über häufige Krankheiten bis hin zur Vorbeugung und Maßnahmen zur Ersten Hilfe.

Die einzelnen Folgen findet ihr entweder an den üblichen Stellen für Podcasts, bspw. Spotify oder iTunes, oder direkt auf ihrer Webseite. Sollte euch der Podcast gefallen, lasst ihr doch einen positiven Kommentar bspw. bei iTunes oder ihrer Webseite zurück.

Neben den Podcasts bietet sie ein Webinar an, ein eBook, sowie einen Video-gestützten Online-Kurs, bei dem Sie noch detaillierter alles rund um Pferdegesundheit erklärt. Gönnt euch einen Blick auf ihre Seite, es kann nur zu eurem Vorteil sein!

Erfahrungen bei Geburtshilfe

In einer neuen Facebook Gruppe entsteht gerade sehr viel informativer Inhalt, der von verschiedenen Züchtern bereit gestellt wird. Dabei geht es darum vorhandenes Wissen und Erfahrungen zu teilen, um Stuten und Fohlen eine möglichst risikoarme Geburt zu ermöglichen. Wer sich hierfür interessiert findet in diesem Blog auf der Seite der Rasse-Informationen eine Unterseite Zucht, die die aktuellen Informationen aus der FB Gruppe aufbereitet darstellt. Diese Unterseite ist “work in progress” und aktualisiert wichtige aus der FB Gruppe in diesen Blog. Viel Spaß beim Lesen!

Hufkrebs – ein oft unterschätztes Drama

Von Boris Halter und Uli Gerusel.

Die Diagnose „Hufkrebs“ trifft Pferdebesitzer unvermittelt und hart. Genauer betrachtet ist es jedoch ein langer und schleichender Prozess, bis es zum Schlimmsten kommt. Die Behandlung ist aufwändig und kann mit der Euthanasie des betroffenen Pferdes enden. Was man dagegen tun sollte und welche Behandlungsmethoden Erfolg versprechen, wird im Folgenden beschrieben.

Der übliche, erste Weg zur Wikipedia erstaunt: zum Thema Hufkrebs oder Strahlkrebs gibt es noch keinen Eintrag. Die weitere Literaturrecherche liefert fast nur kurze populärwissenschaftliche Blogartikel oder Webseiten von Tierärzten. Wissenschaftliche Studien dazu sind rar und haben oft ein reifes Alter erreicht. Brandaktuell ist anders. Wenn Online-Recherche nicht weiter hilft, muss „offline“ gesucht werden. Eine Möglichkeit dazu ist Experten zu befragen, die viel Erfahrung in der betreffenden Thematik haben. In Uli Gerusel fand ich einen Gesprächspartner, der neben seiner langjährigen Erfahrung als Hufschmied, nicht nur viele Hufkrebsfälle behandeln musste. Er versucht darüber hinaus immer neue Wege zu finden und Herausforderungen anzunehmen, auch wenn diese anfangs nicht lösbar scheinen.

Was genau ist Hufkrebs?

Der Begriff „Krebs“ leitet gleich zu Beginn in die Irre. Bei den Veränderungen im Huf handelt es sich nicht um Krebs (bzw. Karzinom) im klassischen Sinne, bspw. Tumore mit Metastasen. Hufkrebs (Englisch: equine hoof canker) ist eine beschreibende, keine wissenschaftliche Bezeichnung. Es handelt sich um eine chronisch verlaufende Huflederhautentzündung. Der Mediziner spricht daher von „pododermatitis chronica verrucosa (sive migrans)“. Diese Entzündung wird von einer starken Vergrößerung des Papillarkörpers (s. Infokasten 1), einer Absonderung schmieriger und stark riechender käsig-weißer Flüssigkeit, ausbleibender Epithelisierung (s. Infokasten 2) und mangelnde Verhornung begleitet.

Infokasten 1
Wikipedia beschreibt den Papillarkörper wie folgt: „[…] bezeichnet man fingerförmige Einstülpungen („Papillen“) an der Unterseite bei mehrschichtigen Epithelien, die von der darunter liegenden Schicht ausgehen. Ein Papillarkörper tritt an Stellen starker mechanischer Belastung auf und dient der intensiven, reißverschlussähnlichen Verzahnung des Epithels mit seiner Unterlage. Die Einsenkungen des Epithels zwischen die Papillen nennt man Epithel- oder Retezapfen.“
Infokasten 2
Auszug aus Wikipedia: „Als Epithelisierung (Synonyme: Epithelialisierung, Epithelisation) wird das Überwachsen einer Wunde mit Epithelzellen bezeichnet. Sie geht von intaktem Epithelgewebe im Bereich der Wundränder aus. Die Epithelisierung ist die letzte Phase der Wundheilung und schließt sich an die Granulation (Bildung von zellreichem Bindegewebe) an.“

Die Erkrankung beginnt immer am Strahl als Strahlfäule und kann sich langsam unter die Sohle oder unter die Hufwand fressen. Durch die Entzündung und weitere Faktoren beeinträchtigt, produzieren die Zellen an Stelle von normalem Gewebe und Hufhorn eine schmierige Masse mit einem charakteristischen stechenden und stinkenden Geruch. Es entstehen blumenkohlartige Wucherungen, die zu Schmerzen und Lahmheit führen. Je nachdem wo sich die Entzündung hinarbeitet, entwickeln sich unterschiedliche Formen des Hufkrebses. In der Praxis unterscheidet man:

  • Strahlkrebs
  • Sohlenkrebs
  • Wandkrebs
  • spezifische Kronsaumentzündung (mit der Gefahr des Ausschuhens)

Das Positive vorweg: es besteht Hoffnung auf Heilung, wenn rechtzeitig behandelt wird. Allerdings ist das mit erheblichen zeitlichen und finanziellen Aufwänden verbunden.

Die wenigen wissenschaftlichen Quellen (s. Quellenangabe am Ende) finden in Gewebeproben von Hufkrebs-Patienten sowohl „bovine papillomavirale“ DNA (Viren) [Brandt 2011 und Apprich 2014], als auch DNA von „Treponea medium ssp. Bovis“ (gramnegative, anaerobe Bakterien) [Sykora 2013]. Nach [Oosterlink 2011] scheint die spezifische Haltung die Entwicklung von Hufkrebs zu beeinflussen. Ebenso wird bestätigt, dass eine frühzeitige Behandlung sehr wichtig ist. Einige Tierärzte sehen Zusammenhänge mit Mangel an hufspezifischen Nährstoffen, bspw. zinkmangelbedingte Parakeratose (krankhaft gestört ablaufende Verhornung). Verschiedenen Pferden ist ein gewisser Anteil der Neigung zu Strahlfäule genetisch veranlagt, bspw. durch schlechte Hornqualität oder eine die Fäule begünstigende Hufform.

Sobald die Trachten- oder Tragwand betroffen ist, kann es zu einer Deformierung des Hufes kommen. Praktisch alle Pferde mit Hufkrebs haben auch einen deformierten Huf. Man sieht dabei oft zu hohe Trachten, eingerollte Trachten oder Tendenz zum Bockhuf. Es besteht die Gefahr, dass sich der Aufhängeapparat lockert und es so zu einer Hufbeinabsenkung kommen kann. Je länger sich die Fäulnis bzw, der Hufkrebs in der Hufkapsel befindet, umso eher wird die Kapsel angegriffen. Dabei kann sich der Hufbeinträger lösen und letztendlich zum Ausschuhen führen. Das ist in etwa analog dem Verlauf einer Rehe, nur dass sich die Hufwand von unten löst und nicht von oben, vom Saumband aus.

Wie entsteht Hufkrebs?

Huf- bzw. Strahlkrebs entsteht nicht innerhalb weniger Tage. Er entwickelt sich aus Strahlfäule über einen längeren Zeitraum, bis der Strahl ausreichend zerstört ist. Der Klassiker sind schlecht gepflegte Pferde, die auf Matratze und in dunklen Boxen mit Lichtmangel stehen, wenig Mineralfutter erhalten, schlechtes Futter mit zu viel Hafer bekommen und selten den Schmied sehen. Das alles führt zu gammeligen Hufen, zu Strahlfäule und dann zu Strahl- bzw. Hufkrebs. Diese Erfahrung deckt sich mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen. In der jüngeren Vergangenheit mehren sich jedoch die Fälle, bei denen augenscheinlich gut gepflegte Pferde aus dem Freizeitbereich und auch im Turniersport Hufkrebs bekommen. „Es scheint viel auf die Ernährung anzukommen und auf die richtige Hufbearbeitung. Man kann die Entstehung von Hufkrebs bspw. nicht alleine auf matschige Paddocks im Winter zurückführen.“ berichtet Gerusel aus seiner Erfahrung.

„Wenn Hufkrebs aus Strahlfäule entsteht, was kann ich als Besitzer vorbeugend tun?“ möchte ich von ihm wissen. Zu intensives Auskratzen mit neuen, scharfkantigen Hufkratzern kann bspw. den Strahl kaputt machen und „ins Leben“ gelangen, also in durchblutete Bereiche stoßen, wodurch Bakterien ihn angreifen können. Die beste Vorbeugung jedoch ist eine fachgerechte Hufbearbeitung durch einen Fachmann (bzw. Fachfrau). Der Strahl muss seine von der Natur vorgesehen Funktion erfüllen können. Dazu gehört Bodenkontakt in der Bewegung, Druck, Gegendruck und somit ausreichende Durchblutung. Er muss sich abnutzen, damit es zu Zellneubildung kommen kann. Dann wächst er und kann nicht verkümmern. „Der Körper ist sparsam!“ trifft es recht passend. Körperteile, die nicht ausgelastet sind, bilden sich zurück. Sicher kennt jeder in seinem Bekanntenkreis jemanden, dessen Bein oder Arm mal in Gips war. Nach drei Wochen haben sich die Muskeln dramatisch zurückgebildet. Gleiches gilt für einen unbelasteten Strahl.

Die Probleme kommen, wenn der Strahl keinen Bodenkontakt erhält. Wenn der Huf normal auf einer Ebene steht, müssen die Trachten und der Strahl eine Linie bilden. Hohe Trachten, die den Strahl vom Boden heben, macht man heute nicht mehr. Pferde werden nicht mehr so steil gestellt wie früher. „Und was ist mit Eisen? Wie kommt der Strahl da auf den Boden?“ frage ich ihn. Das muss bei der Bearbeitung und beim Ausschneiden berücksichtigt werden, ist seine Antwort. Eisen können den Huf um bis zu 8mm anheben. Es geht nicht immer, dass der Strahl mit Eisen den richtigen Bodenkontakt bekommt. Man muss so viel Material am Strahl lassen, wie es möglich ist. Dazu gehört vorsichtiges Ausschneiden, kaputtes Material zu entfernen und Taschen wegzuschneiden, um luftdichte Verschliessungen zu vermeiden. Der Strahl muss trocken bleiben und ablüften können. Pferde mit guten Hufen haben im Grunde keine Strahlprobleme. Die Patienten der vergangenen 12 Monate bei Gerusel waren allesamt Barhufpferde. Eisen alleine sind ebenfalls nicht die Auslöser für Hufkrebs.

„Ich möchte noch einmal auf das oft zu intensive Auskratzen zurückkommen.“ meint Gerusel. „Sicherlich muss Stallmist unter dem Huf entfernt werden, jedoch schadet es eher, wenn die Hufunterseite ‚klinisch rein‘ gekratzt wird.“ Mit einem Blick auf die gern zum Vergleich herangezogenen Wildpferde – wenn es diese überhaupt noch gibt – kann man feststellen, dass diese sehr häufig Erde und Dreck in dicken Platten unter dem Huf haben. Der Dreck und der Luftabschluss kann somit nicht allein verantwortlich für Hufkrebs gemacht werden. Im Gegenteil. Durch die Erde unter dem Huf hat die gesamte untere Hufstruktur inkl. dem Strahl Kontakt zum Boden, erhält Gegendruck und arbeitet. Wird also genutzt und durchblutet, wodurch diese Pferde einen Strahl ohne Probleme haben.

Der Mangel an Stroh durch den extremen Sommer 2018 wurde mancherorts durch Gummimatten mit reduzierter Einstreu ausgeglichen. Stallmatten haben zwar ein Drainage-System, jedoch fließt der Urin nicht so schnell ab, wie er durch eine adäquate Menge Stroh aufgenommen würde. Daher stehen Pferde auf solchen Matten länger, teilweise permanent in Feuchte und Urin. Der Huf mit seinem Mechanismus wirkt bei Bewegung wie ein Schwamm und nimmt Feuchtigkeit gut auf.

Behandlung

Beginnende Strahlfäule behandelt man am besten, indem der Strahl mit einem Wasserschlauch und einer Gardena-Düse vom Dreck und Schmodder frei gespült wird. Dann gut abtrocknen und vorhandene Lücken und Spalten mit in DryFeet getränkte Mullbinden mit einem Spatel ausstopfen. Das verhindert, das Dreck reinkommt und übt den zum Wachstum nötigen Druck aus. Außerdem kommt das Produkt in die Tiefe und wirkt von innen heraus. „Besitzer sollten das Strahlherz, bzw. die Mittelfurche, im Auge behalten. An dieser Stelle gammelt Strahlfäule gerne in die Mitte zur Fesselbeuge“ so Gerusel. DryFeet ist ein Spray zur Trocknung von Hufsohle und Strahl. Genauso eignen sich andere, auf Kupfer basierende Präparate, bspw. Kevin Bacon Hoofsolution.

Die seit langem angewandte, klassische Methode der Behandlung von Hufkrebs sieht vor, dass das betroffene Gewebe sehr großflächig ausgeschnitten wird und eine desinfizierende Wundbehandlung stattfindet. Dann wird die Stelle verbunden und die ausgeschnittene Lücke mit Verbandmaterial aufgefüllt. Ein Deckeleisen sorgt mit dem Verband für den nötigen Gegendruck, damit das Gewebe nachwachsen kann. Begleitet wird die Behandlung durch antibakterielle und antivirale Mittel.

Leider entwickeln sich viele Befunde mit dieser Behandlung oft ins Negative. Ein zügiger Wundverlauf wird unterbunden, bzw. stark verlangsamt. Von dieser Standardbehandlung sollte man abkommen. Sie hilft am wenigsten und reicht einfach nicht aus. „Heute schneide ich immer noch tiefflächig weg was nicht hingehört. Aber nicht so tief wie früher. Es folgt eine desinfizierende Wundversorgung mit Verband, um die Blutung zu stoppen und damit das Gewebe granulieren kann. Dann kommen die Verbände recht früh wieder ab und ich setze das DryFeet ein. Anschließend wird das Pferd in extremst trockene Späne gestellt. Diese müssen mehrmals täglich entmistet und dick nachgestreut werden. Gewebe, das zu schnell verledert, wird gerade so eben abgetragen. Das geht mit der Flex präziser und sanfter als mit einem Messer.“ erklärt Gerusel, wie er aktuell mit seinen Patienten arbeitet. Auf meine Frage, ob eine tiefe, offene Wunde in der Box nicht kontraproduktiv sei, antwortet er, dass sicherlich eine Infektionsgefahr da sei, solange der Huf noch blutet. „Das Pferd läuft ja schon seit Wochen mit offenen, gammeligen Stellen herum, da ist eine saubere, sehr trockene Spänebox allemal besser.“ so Gerusel. Die Gefahr dicker Beine ist gering. Patienten mit Hufkrebs bekommen sehr selten einen Einschuss bzw. Phlegmone.

Eine recht neue Erkenntnis ist auch, dass das früher gerne verwendete „Hufkrebspulver“ (s. Infokasten 3) eher kontraproduktiv wirkt. Es ist kein Allheilmittel und kann bei falscher Anwendung der Auslöser einer totalen Katastrophe sein. Das Krebspulver hat die negative Eigenschaft bei Überdosierung zu verkleben und zu verharzen. Es bildet dann eine luftundurchlässige Schicht. Darunter gammelt es wieder und das Spiel geht von vorne los – die Wunde kann nicht abheilen. Aus dem gleichen Grund bitte kein Holzteer oder andere Mittel verwenden, die die Oberfläche verschließen und eine abschließende Schicht bilden.

Infokasten 3
Hufkrebspuler, auch als „Gießener Mischung“ bekannt, ist in der Regel ein Mix aus Jodoform, Zinkoxid, Acidum tannicum (Taninsäure), Metronidazol und Ketoconazol. Es hat eine adstringierende, austrocknende und antimikrobielle Wirkung. Beim Verarbeiten des Pulvers muss der Anwender sehr auf eigenen Schutz achten (Handschuhe und Staubmaske). Das dem Pulver hinzugefügte Antibiotikum Metrodinazol ist für den Menschen sehr gesundheitsgefährdend, In Form von Staub legt es sich stark auf die Lunge! Als antibakterielles Mittel gegen anaerobe Keime ist es auch für das Pferd nicht ungefährlich. Es sollte aufgrund seiner Nebenwirkungen nur in Absprache mit dem behandelnden Tierarzt verwendet werden.

Einen wichtigen Hinweis hat Gerusel noch: aus einem Hufgeschwür entsteht praktisch nie ein Hufkrebs. „In den vergangenen 35 Jahren Berufspraxis ist mir das noch nie untergekommen. Hufkrebs entwickelt sich fast ausschließlich aus einem gammeligen Strahl!“.

Interdisziplinäre Zusammenarbeit

Die Diagnose stellt der Tierarzt zusammen mit dem Schmied/Hufbearbeiter. Beide Berufsgruppen müssen als Team arbeiten, wenn es um die Behandlung geht. Ein Erfolg ist nur in engster Zusammenarbeit möglich!

„Bei Pferden mit Rehe erfolgt eine Diagnose nie ohne Röntgenbilder. Sind diese bei der Diagnose von Hufkrebs ebenso nützlich?“ möchte ich wissen. Gerusel schränkt das etwas ein. Ein Röntgenbild zeigt Veränderungen an knöchernen Strukturen. Bei Hufkrebs müssen die nicht immer betroffen sein. Es kann jedoch helfen zu bewerten, ob die Hufkapsel oder Hufknorpel durch den Hufkrebs angegriffen sind.

In der Ausbildung der Tierärzte ist der Pferdehuf nur eines von ganz vielen Themen. Wenn sie nicht gerade auf Hufe spezialisiert sind, nehmen sie in aller Regel die Expertise der Schmiede/Hufbearbeiter an. Bei Hufkrebs kann niemand zu Anfang eine echte Prognose stellen, wie es ausgehen wird. Beide können nur an dem Tag, an dem sie vor Ort sind, Hinweise und Ratschläge geben. Die Praxis zeigt, dass es zu schrecklichen Wendungen kommen kann. Es liegt an den Besitzern Haltung, Pflege und Fütterung zu verändern. Das ist ein langer Prozess und es ist ihre eigene Verantwortung. Die können ihnen Tierarzt und Schmied/Hufbearbeiter nicht abnehmen!

Beispiele

Rheinisch-Deutsches Kaltblut

Ein negatives Beispiel zeigen die folgenden Bilder eines Rheinisch-Deutschen Kaltblutes aus dem Kundenstamm von Gerusel. Hier wurde das gesamte Repertoire herangezogen, am Ende musste das Pferd dennoch eingeschläfert werden, da es nicht mehr schmerzfrei zu bekommen war. Zur Behandlung wurden Antibiotika gegeben, ein Pilzmittel gespritzt, mit Sebacil gewaschen, beste an den Befund angepasste Fütterung genutzt (eiweißarm, kein Hafer, bestes Heu, Spezialfutter für Hufe, etc,), täglich desinfiziert und mehrmals täglich gemistet. Dennoch ergab sich ein schlechter Verlauf, auch wenn es zwischendurch positiv aussah.

Friese

Ein positives Beispiel eines ausgeheilten Hufkrebses kann mit den folgenden Bildern eines Friesen aus dem Kundenstamm von Gerusel herangezogen werden. Der Verlauf der Heilung zog sich auf ein Jahr. Am Ende war fast die gesamte Hornkaspel wieder nachgewachsen. Bei diesem Beispiel waren vier Hufschmiede in einer Kooperation beteiligt, bei der jeder mit seinem Fachwissen passend ergänzen konnte.

Änderung von Haltung, Pflege und/oder Fütterung

Zusammenfassend wird nun klar, dass sich Hufkrebs aus einer starken Strahlfäule heraus entwickelt. Diese wiederum entsteht aus einem Komplex von mangelnder Hufbearbeitung und -pflege, schlechter Haltung und/oder schlechter Fütterung. „Gefühlt würde ich sagen, dass Mineralfuttermangel ein großes Problem ist. Ebenso zu viel Hafer und zu viel Silo“ überlegt Gerusel laut. Ein Mangel an Mineralfutter löst Strahlfäule bzw. -krebs nicht aus, fördert aber die Entwicklung.

Dem erfahrenen Leser drängt sich eine Analogie zur Mauke auf. Mauke und Strahlfäule, bzw. in gesteigerter Form Hufkrebs, haben ähnliche Ursachen. Pferde die zu Mauke neigen, haben häufiger mit Strahlfäule und Hufkrebs zu tun. Was davon zuerst da war oder als Folgeerscheinung zu werten ist, kann nicht immer klar getrennt werden. Daher sollte bei Vorkommen von Mauke oder Strahlkrebs umgehend gehandelt werden, um nicht in einen weiteren Teufelskreis zu gelangen.

Neben der Ernährung muss die Stallhygiene verbessert werden. Das Hufhorn wird durch Mist und Urin nachweislich angegriffen. Dies erleichtert Bakterien die Zersetzung des Horns. Insbesondere Ammoniak, dass bei der Zersetzung von Harnstoff aus dem Urin entsteht, ist Gift für das Hufhorn. Eine Reduzierung des Ammoniak ist grundsätzlich eine gute Idee, der Lunge Ihres Pferdes tut es ebenfalls gut.

Kommen wir zu einem oft gehörten Mythos. Nein, Kaltblüter sind nicht empfindlicher oder häufiger betroffen als andere Pferderassen. Evtl. kommt der Mythos daher, dass Kaltblüter gerne mal „robuster“ gehalten werden und art-ungerechte Ernährung erhalten. Zu viel Hafer, zu viele Möhrchen, usw.. Mangelndes Wissen führt zu Überfettung, schlechter Haut, Mauke und Strahlfäule. Und dann sind wir wieder voll im Thema.

Auch der Mensch muss sich ändern

Fäule und Krebs sind nicht „einfach so“ da. Es ist ein schleichender Prozess. Evtl. ist es dem Besitzer nicht aufgefallen oder es war ihm/ihr nicht wichtig genug. Auch wenn Schmied oder Hufbearbeiter sich regelmäßig um die Hufe kümmern: das entbindet Besitzer nicht ihrer Verantwortung. In der Praxis treffen sich Besitzer und Schmied bzw. Hufbearbeiter zu selten gemeinsam am Pferd. Kommunikation zwischen Hufbearbeiter und Besitzer entsteht dann erst, wenn konkrete Probleme sichtbar sind. Wie wir inzwischen gelernt haben, kann es dann schon zu spät sein. „Der Kunde neigt dazu für die Dienstleistung zu bezahlen und damit die Verantwortung abzugeben. Aber der Schmied ist nicht verantwortlich Futter zu kaufen, Mineralfutter zu geben, den Paddock sauber zu halten oder die Box regelmäßig zu misten.“ berichtet Gerusel aus der Praxis. Vermeidung und frühes Erkennen sind daher sehr wichtig. Dann wird es nicht so schlimm, dass es (fast) zu spät sein kann.

Lebenslanges Lernen

Nach dem mahnenden Plädoyer von Gerusel möchte ich wissen, wie man als Laie rechtzeitig erkennen kann, dass sich etwas anbahnt. „Indem man sich mit dem Thema Huf beschäftigt und sensibilisiert.“ lautet seine sehr direkte Antwort.

Pferdebesitzer sollten Literatur lesen, Workshops besuchen und Weiterbildungen nutzen. Verantwortung für das eigene Pferd zeigen, bedeutet sich weiterzubilden. Die Buchregale der Besitzer/innen sind typischerweise voll mit Büchern zu den Themen Reiten lernen, unterschiedliche Reitweisen, Training der Pferde und anderes mehr. Ganz selten stehen dort Bücher über Anatomie, Tiermedizin, Haltung, Hufe, Futter oder vergleichbare Themen. Alles was man von außen sieht, ist wichtig. Das „Innere“ des Pferdes wird gerne vernachlässigt. Futter- und Entwurmungsberater können sicher in das gleiche Horn stoßen.

Wenn es um Wissensaneignung geht, bitte nicht Prof. Google oder Dr. Facebook befragen. Dort gibt es zig verschiedenen Gruppen und Foren mit anderen Laien und gleichen Problemen. Zum Erfahrungsaustausch sind diese sicher geeignet. Aber Behandlungsempfehlungen mit falschen oder unnützen Tipps können in einer Katastrophe enden. Man liest leider nur zu oft, wie wochenlang sinnlos herum experimentiert wird. Es entsteht manchmal eine merkwürdige Art der Eigendynamik. Werden unangenehme Tatsachen benannt, bspw. dass das Pferd sterben kann, wenn es nicht richtig behandelt wird, ist die Aufregung groß. Lieber noch ein Pülverchen hier oder ein Kügelchen dort ausprobieren. „…das hat bei mir immer geholfen!“ ist nicht der beste Ratgeber.

Wenn Probleme mit heftiger Strahlfäule oder Verdacht auf Hufkrebs vorhanden sind, ist es wichtig umgehend mit dem Tierarzt und Hufbearbeiter des Vertrauens Kontakt aufzunehmen! Eine stationäre Aufnahme ist bspw. bei Gerusel in Ost-Westfalen möglich.

Hufe und „innere Feuchtigkeit“

Selbst wenn der Huf von außen trocken und knüppelhart ist, gibt er Feuchtigkeit ab. Bei frisch ausgeschnittenen Hufen wird das sehr gut deutlich. Steht dieser eine Weile auf dem Boden, weil bspw. der andere Huf bearbeitet wird, entsteht ein feuchter Abdruck. Wenn nun im Zuge einer klassischen Hufkrebs-Behandlung ein Deckeleisen zum Einsatz kommt, oder der Huf mit Teer abgedichtet wird, bildet sich darunter unweigerlich neue Feuchtigkeit. Bestes Klima für anaerobe Bakterien und weitere Fäulnissprozesse. Daher sollte die Behandlung mit anfangs offenem Huf, wie von Gerusel beschrieben, zwingend mit trockenen Späne als Einstreu ergänzt werden. Für ihn gibt es dazu keine Alternative. „Auf Späne stellen ist Pflicht, wenn es zu einem schnellen Heilungsprozess kommen soll.“ so Gerusel.

Neben Luftzufuhr und Trockenheit ist Bewegung wichtig. Das zu behandelnde Pferd dauerhaft in eine Box zu sperren ist kontraproduktiv. Durch die Bewegung wird der Huf besser durchblutet, der Strahl bekommt durch die Druckpolster wieder eine natürliche Aufgabe und kann wachsen. Durch die gestiegene Durchblutung wird das Gewebe besser mit Nährstoffen versorgt und die Stoffwechselrate steigt. Das fördert nicht nur die Qualität des Hornes, auch die Hornbildungsrate nimmt zu: alles am Huf wächst schneller.

Der Wahrheit ins Auge sehen

Selbst bei Experten gibt es Fälle, die nicht mehr heilbar sind. Zu spät entdeckter Hufkrebs kann zum raschen Tod des Pferdes führen. Besitzer stoßen dabei finanziell und ethisch schnell an Grenzen. Die Kosten der Behandlung summieren sich leicht auf mehrere tausend Euro durch Medikamente, erhöhten Pflegeaufwand und häufige Besuche von Tierarzt und Hufbearbeiter. Das Handling des betroffenen Pferdes wird schnell zu einer Belastung für Besitzer und Stallbetreiber, falls aufgrund der anfänglichen „Boxenhaft“ evtl. regelmäßig ein Pferdekumpel in der Nachbarbox stehen muss.

All das sind Gründe eine beginnende Strahlfäule nun mit einem anderen Bewusstsein zu sehen und nicht nur irgendwelche Mittelchen drauf sprühen, sondern sich rechtzeitig um das Abstellen der möglichen Ursachen zu kümmern.

Verweise, wissenschaftliche Studien:

[Brandt, 2011]
„Consistent detection of bovine papillomavirus in lesions, intact skin and peripheral blood mononuclear cells of horses affected by hoof canker“, EQUINE VETERINARY JOURNAL
Equine vet. J. (2011) 43 (2) 202-209, (doi: 10.1111/j.2042-3306.2010.00147.x) [Oosterlink, 2011]
„Retrospective study on 30 horses with chronic proliferative pododermatitis (canker)“, EQUINE VETERINARY EDUCATION, Equine vet. Educ. (2011) 23 (9) 466-471 (doi: 10.1111/j.2042-3292.2010.00213.x) [Apprich, 2013]
„Equine hoof canker: a clinical trial of topical cisplatin chemotherapy“, Veterinary Record 2013 172: 238 originally published online January 29, 2013 (doi: 10.1136/vr.101359) [Sykora, 2014]
„Occurrence of Treponema DNA in equine hoof canker and normal hoof tissue“, Equine Veterinary Journal ISSN 0425-1644, (doi: 10.1111/evj.12327)

Buchvorstellung

The Medieval Horse and its Equipment (sehr klein)

Das mittelalterliche Pferd und seine Ausrüstung

Sowohl die Schlachtrösser der Ritter, als auch die vielen Nutz- und Lasttiere zeigen: Pferde spielten im Mittelalter eine große Rolle. Die Fülle mittelalterlicher Funde der Ausgrabungen in und um London der vergangenen 1970’er und 1980’er Jahre brachten viele Artefakte hervor. Viele davon können Pferden zugeordnet werden. Über 400 dieser Objekte werden in dem hier beschriebenen Buch exakt beschrieben und in den historischen Kontext gesetzt. Durch detailreiche Bilder und Beschreibungen lassen sich die Objekte vergleichbaren, modernen Ausrüstungsgegenständen gut gegenüber stellen. Es deckt den Zeitraum der Jahre von 1150 bis 1450 ab. Anhand von Knochen- und Skelettfunden beschreibt es die Pferde in Funktion und Größe und geht sehr detailliert auf das gefundene Zubehör ein. Themen sind u.a. Zaumzeug, Trensen, Gebisse, Steigbügel, Hufeisen und Zubehör der Schmiede, Sporen und Riemen, sowie Striegel und Pflegeprodukte.

Was macht das Buch so interessant?

Große Pferde haben eine lange Historie in der Nutzung durch Menschen. Die Vorfahren der heutigen großen Kaltblutrassen Shire Horse und Clydesdale wurden im Mittelalter als Kriegswaffe bspw. als “Ritterpferde” eingesetzt. Für Liebhaber dieser Rassen bietet das Buch einen einmaligen Blick in die Geschichte. Wie war es wirklich bei den Rittersleuten in England? Sehr ernüchternd lernen wir, dass einige Mythen über die “Giant Horses” überdacht werden müssen. Bspw. zeigt sich, dass damalige “große” Kriegspferde eine Widerristhöhe von etwa 15 hands (ca. 153 cm) hatten. Ebenso lernen wir, dass unsere Ahnen bereits sehr viel Wissen und handwerkliches Geschick für sinnvolle Ausrüstungsgegenstände hatten. Vieles unterscheidet sich heute kaum von den Versionen des Mittelalters. Neben den gefundenen Ausgrabungsgegenständen zieht das Buch weitere schriftliche und bildhafte Quellen hinzu. So entsteht ein sehr genaues Bild dieser Zeit und dem Pferdegebrauch.

Wo findet man das Buch?

Das “Museum of London” hat das Buch erstmals 1995 herausgebracht. Der Autor John Clark (Senior Kurator des Museums) führt sehr detailreich die Erkenntnisse des Museums und der beteiligten Wissenschaftler und Archäologen zusammen. 2004 wurde es in neuer Auflage herausgebracht. Seit 2011 ist es auch als Paperback erhältlich.

Quelle:
The Medieval Horse and its Equipment, c.1150-1450 (Medieval Finds from Excavations in London, Band 5), Boydell & Brewer Ltd

Schreckgespenst Mauke/Raspe

Mauke bei einem Shire Horse

Einführung

„Das Pferd hat Mauke!“ So eindeutig diese Aussage wirkt, so nebulös wird es, wenn Betroffene sich über diese Diagnose informieren wollen. Mauke gilt vielfach noch als Mysterium. Dieses Bild wird bestätigt, wenn man in einer der Suchmaschinen im Internet unbestimmt nach dem Begriff „Mauke“ sucht. Alleine der Platzhirsch Google findet knapp 600.000 (in Worten: sechshundert-tausend) Treffer. Auf den ersten Seiten der Suchergebnisse findet man ein paar Webseiten, die Mauke versuchen zu erklären. Ansonsten fast ausschließlich Hersteller von Salben und Pillen, die alle versprechen es zu heilen. Die Erfahrung zeigt: wenn es so viele verschiedenen Mittel gibt, dann hilft keines wirklich, denn dann gäbe es die anderen nicht mehr. Im weiteren Verlauf dieses Beitrages wird klar, warum es das eine Wunder-Heilmittel nicht geben kann.

Leider wird bei den meisten Texten über Mauke direkt mit Behandlungen und Therapie-Empfehlungen angefangen. Besonders, wenn der Autor des Textes ein eigenes Heilmittel anbietet. Es ist aus meiner Sicht wichtiger vorab zu klären, um welche Krankheit(en) es sich bei Mauke eigentlich handelt. Nur wenn eindeutig klar ist, worum es genau geht, kann die passende Therapie und Prophylaxe gewählt werden.

Ich mache an dieser Stelle darauf aufmerksam, dass alle in diesem Text beschriebenen Behandlungen unter Aufsicht eines Tierarztes durchgeführt werden sollten. Ich lehne jegliche Haftung ab!

Nach der Klärung des Krankheitsbildes Mauke, wird dieser Beitrag einen Hintergrund zu den möglichen und typischen Ursachen für Mauke geben. Mit dem so aufgebauten Wissen kann dann sinnvoll über erfolgreiche Behandlungen und Therapien gesprochen werden.

Unbehandelt wird sich Mauke in den meisten Fällen nicht bessern, sondern wird schlimmstenfalls chronisch. Das führt zu Verdickungen der Haut, offene, nässende und eiternde Wunden, Schmerzen und letztendlich zu Lahmheit. Um etwas Positives vorwegzunehmen: erfolgt eine umgehende Behandlung und eine Beseitigung der Ursachen, dann ist Mauke durchaus heilbar.

Einige Teile der Informationen in diesem Beitrag entstammen der am Ende gelisteten Literatur und wissenschaftlichen Arbeiten. Bei Übernahme größerer Textstellen ist es entsprechend gekennzeichnet. Eine sehr empfehlenswerte Literatur ist der im Cadmos Verlag erschienene Ratgeber „Mauke – Vorbeugen, Erkennen, Behandeln“ von Anke Rüsbüldt [Rüsbüldt, 2007]

Definition, oder: Was ist Mauke?

Der Begriff „Mauke“ wird als Sammelbegriff für verschiedene Hauterkrankungen in der Fesselbeuge verwendet und ist kein medizinischer Fachbegriff! Oberhalb der Fesselbeuge spricht man von Raspe. Beides ist jedoch so ähnlich, dass der Rest dieses Textes sich mit Mauke beschäftigt, Raspe aber immer mit einschließt.

[Möller und Frick, 1921] definieren Mauke als „seit den ältesten Zeiten ein Sammelname für eine Reihe entzündlicher Krankheitsprozesse der äußeren Haut im Bereich der Fessel, namentlich in der Beugefläche (Köte), deren Wesen und Verlauf außerordentlich verschieden sind”.

Anke Rüsbüldt, Fachtierärztin für Pferde, beschreibt in Ihrem Buch [Rüsbüldt, 2007] die Bandbreite der Erkrankungen mit dem Sammelbegriff Mauke sehr gut: „Medizinisch betrachtet ist Mauke eine Bezeichnung für alle Dermatitiden (Hauterkrankungen) am Unterbein. Das können feuchte oder trockene Ekzeme sein, bakterielle Erkrankungen, Pilzinfektionen, Milbenbefall, Entzündungen infolge von Verletzungen, allergische Ekzeme oder Symptome einer inneren Erkrankung oder einer Ausleitungsstörung. […] Zum Teil entstehen infolge einer Mauke Phlegmonen, die in der Reitersprache Einschuss genannt werden. Es können durch eine Mauke-Erkrankung auch vordringende Entzündungen entstehen, die die Blut- und Lymphgefäße angreifen. […] Mauke ist alles andere als nur eine kleine Stelle!”

Dr. Scharnhölz ergänzt die Problematik sehr gut mit Blick auf die Besonderheit der Haut im unteren Beinbereich [Scharnhölz, 2003]:

„Die Haut im Fesselbereich ist beim Pferd, unabhängig von der Rasse, ein problematisches Organ. Nicht sachgemäß behandelte Hautwunden unterhalb von Vorderfußwurzel oder Sprunggelenk führen zur Bildung von wildem Fleisch (Caro luxurians) und zu Narbenkeloiden, die enormen Umfang erreichen können. Dies ist ein Indiz dafür, dass die Wundheilung im Bereich des Fußes aus anatomisch-physiologischen Gründen anders verläuft als in den übrigen Körperregionen. Tritt als weitere Komponente die bei Kaltblut-Pferden fast typische Verhornungsstörung der Oberhaut hinzu, sind die Voraussetzungen für die Ausbildung bestimmter Maukeformen sehr günstig (aus Sicht der Mauke!)”

Tierärzte unterscheiden verschiedene Stadien der ekzematösen Mauke, die in der folgenden Tabelle beschrieben werden:

Wissenschaftliche BezeichnungLeitsymptom
1. Stadium: Dermatitis erythematosaHyperämie (vermehrte Durchblutung, (leichte) Rötung der Haut)
2. Stadium: Dermatitis madidansDie Haut ist verdickt und warm.
3. Stadium: Dermatitis crustosaDie Haut wird an ihrer Oberfläche zerstört (mit Krustenbildung). Es entsteht ein nässendes Wundsekret.
4. Stadium: Dermatitis squamosaDie Haut quillt auf, es entstehen schmierige Beläge, Knötchen und Bläschen, eine Berührung ist schmerzhaft.
5. Stadium: Dermsatidis verrukosaDer Papillarkörper liegt frei, es entstehen Wucherungen über das normale Hautniveau hinaus.

In der Literatur finden sich ergänzend noch diese Formen nicht-ekzematöser Mauke:

Dermatitis hyperceratotica-hyperplasticaÜberschießende Fehlverhornung der Haut
Dermatitis tuberosa (eigenständige Erkrankung oder aus ekzematöser Mauke hervorgehend)Knotenbildung (sogenannte Hengstknoten)
Dermatitis gangraenosa (Sonderform der Mauke unter Mitbeteiligung bestimmter Bakterienarten)Geschwürige Mauke (mit Zerfall/Absterben von Gewebe (=Brandmauke)


(c) A. Wallraf, 2003

Je nach ihrer Schwere kann Mauke stark schmerzhaft sein und zu Lahmheit und Leistungseinbußen, bis hin zur Leistungsunfähigkeit, führen. In seltenen Fällen kann ein unheilbarer und unerträglicher Zustand entstehen. Desweiteren entsteht ein starker Juckreiz. Das betroffene Pferd stampft und schlägt aus, sodass ein Bruch des Knochenapparates im Huf hinzukommen kann.

Mauke ist nicht ansteckend. Wenn ein hautgesundes, nicht anfälliges Pferd mit an Mauke erkrankten Pferden zusammen steht, geht davon keine Gefahr aus.

Eine andere Krankheit in der Fesselbeuge ist das „Chronisch Progressives Lymphödem“ (CPL), das im Volksmund „Warzenmauke“ genannt wird. Hier ist zwar umgangssprachliche Wort Mauke enthalten, medizinisch betrachtet ist CPL jedoch eine eigenständige Erkrankung, die durchaus zusammen mit Mauke auftreten kann. Anfangs sieht CPL wie „normale“ Mauke aus, hat jedoch ganz andere Ursachen und Auswirkungen.

Aufgrund der Tatsache, dass CPL derzeit als unheilbar gilt und neue wissenschaftliche Erkenntnisse eine genetische Veranlagung nahe legen, möchte ich einen eigenen Blog-Beitrag hierüber schreiben. Er folgt in Kürze.

Verbreitung und Vorkommen

Mauke betrifft sehr häufig schwere Kaltblutrassen mit Behang, also auch Shire Horse und Clydesdale. Ältere Pferde (12 Jahre und älter) sind dabei häufiger befallen.

Unter Züchtern ist bekannt, dass deutlich mehr Hengste und Wallache betroffen sind als Stuten. Dies wird statistisch durch [Wallraf, 2003] in ihrer Dissertation bestätigt. In ihrer Arbeit mit mehr als 900 Probanden/Pferden konnte interessanterweise kein Zusammenhang zwischen hellem Behang bzw. Abzeichen oder heller, unpigmentierter Haut und Maukeerkrankungen festgestellt werden. Das widerspricht der landläufigen Meinung unter Züchtern.

Interessant ist ebenfalls die Quintessenz aus der Arbeit von Wallraf:
„Die Beteiligung genetischer Ursachen für das Auftreten von Mauke konnte bei den untersuchten Kaltblutrassen nicht eindeutig nachgewiesen werden.”

Das ist umso mehr ein Ansporn möglichst alle Mauke-fördernden Faktoren zu beseitigen, bzw. so weit wie möglich zu reduzieren.

Achtung: bei CPL (Warzenmauke) ist der aktuelle wissenschaftliche Stand von 2018, dass in diesem Fall durchaus genetische Veranlagungen eine Rolle spielen können. Daher ist es sehr wichtig die beiden Krankheiten Mauke und Warzenmauke voneinander zu unterscheiden!

Ursachen und Auslöser

Ein gesunder und ausgeglichener Organismus, insbesondere eine gesunde Haut, kommt mit einer umgebungstypischen Bakterien- und Pilzbesiedlung normalerweise klar und kann diese abwehren. Mauke ist eine „Faktorenkrankheit“. Das bedeutet, dass mehrere Ursachen und begünstigende Faktoren gemeinsam zum Krankheitsbild führen [Rüsbüldt, 2007]. Ist die Haut vorgeschädigt, bspw. durch Urin, Schmutz, Tausalz, mechanische Irritation (etwa durch häufiges Waschen oder pieksendes Stroh), dann haben Bakterien und Pilze eine reelle Chance sich festzusetzen. Das führt letztendlich zur Infektion und Entzündung. Daraus ergibt sich, dass es nicht hilft nur einen Faktor (bspw. den Auslöser der Infektion durch Bakterienbefall) zu beseitigen.

Das Organ Haut kann durch innere oder äußere Faktoren geschwächt werden. In der allgemeinen Literatur werden verschiedene, mögliche Ursachen benannt:

Haltung

Mangelnde Hygiene bei der Haltung (Schmutz, Urin, Mist, Ammoniak …) gilt als die häufigste Ursache für die Schwächung der Haut im Fesselbereich. Nach [Wallraf, 2003] besteht ein deutlicher Zusammenhang zwischen schlechten und unhygienischen Haltungsbedingungen und dem Auftreten von Mauke. Hier kommt noch die Jahreszeit als erschwerender Faktor hinzu. Mauke tritt häufig in den Wintermonaten auf. Neben den durch das Wetter erschwerten Haltungsbedingungen, kommt der Fellwechsel im Herbst und Frühjar hinzu, der die Haut seinerseits belastet und dem Körper notwendige Mineralstoffe entzieht.

Feuchtigkeit

Zu viel Feuchtigkeit schadet der Haut auf Dauer ebenfalls. Sie quillt auf, wird weicher und der PH Wert der Hautoberfläche kann sich verändern. Ein ganz bekanntes Beispiel beim Menschen sind die Schrumpelfinger, wenn der Aufenthalt im Schwimmbad oder in der Badewanne zu lang war.

Beispiele aus der Praxis sind im Schlamm versunkene Pferdebeine auf der Winter-Koppel oder -Paddock. Gleiches gilt für übertriebene Reinlichkeit. Zu häufiges Waschen schadet der Haut. Beim Waschen kommen neben dem Wasser in der Regel auch wasch-aktive Substanzen, Fettlöser und optische Aufheller hinzu.

Vorerkrankungen und geschwächtes Immunsystem

Eine Schwächung der Haut kann durch Vorerkrankungen erfolgen. Würmer oder eine durch Milben ausgelöste Fußräude sind Beispiele dafür. Eine akute Medikamentenbehandlung kann das Immunsystem ebenfalls schwächen. Es können auch Entgiftungsstörungen vorliegen, was durch „schlechte“ Leber- und/oder Nierenwerte erkannt werden kann.

Futter und Ernährung

Bei Kaltblütern gilt eine zu eiweißreiche Ernährung als Mauke-fördernd. Dazu gehören bspw. Weizenkleie, aber auch Hafer. Allgemein sollte beachtet werden, dass sich bei Kaltblütern zu häufiges und zu üppiges Kraftfutter nachteilig auswirkt. Bei kommerziellem Kraftfutter muss daher ein genauer Blick auf die Analyse der Inhaltsstoffe geworfen werden. Futter für Sportpferde verbietet sich per se. Bei Kaltblütern, die wirklich Leistung bringen müssen, bspw. beim kommerziellen Holzrücken oder gewerblichen Fuhrleuten, sollte ein guter Futterberater hinzugezogen werden.

Die Krankheit tritt, wie weiter oben schon kurz angerissen, jahreszeitlich bedingt gerne parallel zum Fellwechsel im Herbst und Frühjahr auf. Dieser ist für den Organismus immer eine Belastung. Er benötigt in dieser Zeit eine andere Versorgung mit Mineralien und Spurenelementen als im Sommer. Ein Mangel daran kann die Haut ebenfalls schwächen und belasten.

Stress und psychische Belastungen

Psychische Faktoren können eine Ursache für die Anfälligkeit für Mauke sein. Hierzu gehören etwa Stallwechsel, neue Weidekumpel oder mentale Überlastung (bei Ausbildung, Sport oder Arbeit).

Mechanische Reize und Irritationen

Stoppelacker, pieksendes Stroh oder zu starkes Scheren des Behangs kann die Haut im Fesselbereich vorschädigen.

Chemische Reize

Eher selten, aber nicht zu vernachlässigen, können Chemikalien im Umfeld der Pferde Mauke begünstigen. Hierzu zählen bspw. Taumittel im Reitsand, Weichmacher in billigen Hufglocken, Streusalz auf der Strasse oder Duft- und Parfümstoffe in gutgemeinten Cremes.

 

All diese Reize oder Mauke-begünstigenden „Faktoren“ setzen die Selbstheilungskräfte der Haut herab. Sie fördern daher die weitere Schädigung der Haut oder der darunter liegenden Gewebeschichten durch die Besiedelung von Bakterien, Pilzen oder Parasiten wie bspw. Milben. Diese können dann letztendlich der Auslöser einer Infektion und damit von Mauke sein.

Tritt eine Infektion durch einen dieser Auslöser auf, kann es im weiteren Verlauf zu Sekundärinfektionen kommen, die das Krankheitsbild indifferenter macht.

Aber Achtung, es müssen bei Mauke nicht alle oben genannten Ursachen und Auslöser zusammen vorhanden sein! Wie anfangs geschrieben handelt es sich um eine Faktorenkrankheit. Eine fast beliebige Kombination der Ursachen und Auslöser ist bei positiven Maukebefund möglich, da jedes Pferd eine individuelle Fitness und Anfälligkeit hat. So kann Mauke unter Umständen bei Pferden auftreten, die in hygienisch besten Bedingungen leben.

Behandlung, oder: Was hilft wirklich?

Eine erfolgreiche Behandlung erfolgt immer mehrgleisig:

  1. Ursachen beseitigen, meistens sind mehrere Faktoren beteiligt („Mauke kommt von Innen, Mauke geht von Innen“).
  2. Exakte Diagnose des Auslösers der Entzündung bzw. des Ekzems (Bakterien, Pilze, Parasiten, Allergie, Chemikalien, etc.).
  3. Auswahl des passenden Medikamentes bzw. Heilmittels, je nach Diagnose
  4. Vorbeugende Maßnahmen, um zukünftig Mauke zu verhindern.

Grundsätzlich gilt, dass die Ursachen beseitigt werden müssen! Sonst kommt man nicht aus einer sich zuspitzenden Spirale heraus. Je länger und häufiger das Pferd mit Mauke zu kämpfen hat, umso schwieriger wird es sichere Diagnosen zu Auslöser und Ursache zu finden. Das kann mitunter die schwierigste Aufgabe bei der Behandlung von Mauke werden.

Diese Maßnahmen helfen dabei:

Fütterung

Die Fütterung sollte der Leistung angepasst und eiweißarm erfolgen. Laboranalysen des Blutes können Mangel an Zink und anderen Vitalstoffen feststellen. Diese können durch im Handel erhältliche Präparate ausgeglichen werden. Es ist wichtig viel Raufutter anzubieten. Jedoch kein Heu oder Silage verwenden, die für Kühe hergestellt wurden aufgrund der für diese notwendigen hohen Eiweißanteile. Gut gedüngte Weiden sind ebenfalls tabu.

Haltung

Pferde nicht dauerhaft im Matsch stehen lassen und eine hygienische, saubere Haltung schaffen! Dabei hilft Absammeln der Pferdeäpfel, regelmäßiges Ausmisten und gute, Nässe bindende Einstreu zu benutzen.

Behang/Fesselbeuge

Mauke wird durch Feuchtigkeit und Wärme unter dem Behang, sowie unhygienische Bedingungen begünstigt. Die Anfälligkeit für Mauke kann daher durch trockene und saubere Behänge verringert werden. Die Behänge sollten regelmäßig kontrolliert werden. Nicht zu häufig waschen und nur vorsichtig mit einem groben Kamm auskämmen. Den Behang bitte nicht abrasieren! Dieser, oft von unerfahrenen Tierärzten ausgesprochene Rat, schadet mehrt als er hilft. Jeder Mann kennt das: die nachwachsenden Stoppeln jucken und sind unangenehm. Wenn der Behang aus praktischen Gründen die Behandlung stört, das Haar bitte zwei bis drei Zentimeter lang stehen lassen. Dann piekst es nicht und eine Behandlung der Wunden ist dennoch möglich.

Behandlung der Infektion

Die begleitenden Symptome, wie Bakterienbefall, Pilze oder Milben, können mit von Tierärzten verschriebenen Präparaten bekämpft werden. Daneben gibt es Behandlungen und Heilmittel, die im Anfangsstadium helfen und eine Behandlung unterstützen können.

Dabei gelten diese drei goldenen Regeln:

  1. Die Haut sollte nicht luftdicht abgeschlossen werden.
  2. Feuchte Stellen sollten trocken werden.
  3. Trockene Stellen sollten geschmeidig werden.

Bei leichtem Befall kann die Maukestelle zwei bis drei Tage lang mit einem Antiseptikum desinfiziert werden. Sehr gut bewährt hat sich Octenisept® aus der Apotheke, es ist schmerzfrei und farblos.

Schwefelblüte wirkt ebenfalls anti-bakteriell und kann in Apotheken erworben werden. Vermischt mit Paraffinöl (medizinisches Weißöl) lässt es sich leicht auf die betroffenen Stellen auftragen, bspw. mit einem sauberen Pinsel. Ein erprobtes Mischungsverhältnis ist ein Esslöffel Schwefelblüte auf einem Liter Paraffinöl. Das Öl hat den Vorteil, dass es die Haut geschmeidig hält und ergänzend gegen Parasiten hilft. Der Behang wird durch das Öl unempfindlicher für Dreck und Mist. Dieser lässt sich dann deutlich besser ausbürsten. Weißöl ist nicht schädlich, es ist in der Kosmetik der Hauptbestandteil von Hautcremes großer Marken. Es gibt für Pferde fertige Mischungen mit Schwefel zu kaufen, wie.z.B. „Itch Buster“ [Leg Oil]. Man findet passende Angebote auch mit der englischen Bezeichnung „Pig Oil“.

Ein altes Hausrezept sind Sauerkrautwickel. Diese lässt man über Nacht auf den betroffenen Stellen einwirken. Bewährt haben sich dabei Babywindeln, die mit silberfarbenen Panzerband (auch als Ducttape bekannt) stalltauglich gemacht werden können. Die Milchsäure senkt den ph-Wert, sodass ein für Parasiten und Bakterien ungünstiges Hautmilieu entsteht. Die Wickel können aufgrund der Säure jedoch nicht auf Stellen mit fortgeschrittener, offener Mauke aufgebracht werden.

In Küstennähe gibt es noch ein weiteres altes Hausmittel, um Mauke und andere Hautprobleme an den Beinen fernzuhalten: Salzwasser. In England, Belgien und Holland, wo Kaltblüter häufiger anzutreffen sind als bei uns, wurden und werden die Pferde hin und wieder nach getaner Arbeit durch knietiefes Meerwasser (Nordsee, Atlantik) geführt oder geritten. Das reinigt den Behang mechanisch. Darüber hinaus kann Salzwasser der Haut förderlich sein. In der Dermatologie wird es gerne bei Hautkrankheiten eingesetzt (Totes-Meer-Therapien). Aber auch hier gilt: die Menge ist das Heilmittel (oder das Gift). Die Behänge, bzw. die Haut darunter sollte so bald wie möglich wieder trocken werden.

Alles was der Haut hilft sich selber zu regenerieren, unterstützt auch die Behandlung von Mauke. Das können heilende Cremes, Spurenelemente und Nahrungsergänzungsmittel sein.

Ich hoffe, mit diesen Informationen und Tipps der Mauke ein wenig den Schrecken genommen zu haben. Falls Ihr, liebe Leser, noch weitere Informationen zum Themenkomplex Mauke habt, die hier noch nicht beschrieben wurden, würde ich mich über eine Kontaktaufnahme sehr freuen.

Kaltblut und passender Sattel – ein Widerspruch? (Teil 1)

Shire Horse mit Westernsattel

[weiter zu Teil 2 dieser Beitragsreihe] [weiter zu Teil 3 dieser Beitragsreihe]

Western- und Wanderreiten

Du hast doch was mit Shires zu tun, da kennst du dich doch bestimmt mit Sätteln für Kaltblüter aus. Sag mal…
So oder ähnlich werde ich oft angesprochen, wenn (Neu-)Besitzer eines Kaltblutpferdes die gängigen Fundstellen im Netz oder diverse Reitsportgeschäfte nach einem einigermaßen passenden Sattel für ihre Dicken durchsucht haben.

Sättel für Kaltblüter müssen nicht einfach nur eine Nummer größer sein, einige Besonderheiten sind zu beachten. Es reicht nicht die Sättel nach üblichen “Schnittmustern” zu bauen. So ist sehr häufig eine breitere Kammerweite im Verhältnis zu Sattelgöße notwendig. Auch die Auflageflächen und Polsterungen sind im Verhältnis zur Sättelgröße ausladender.

Hier ist erfreulicherweise der Trend zu erkennen, dass Hersteller die Kaltblutreiter als neue Kundschaft ins Visier nehmen und einige ihrer Sättel auch in passenden Größen anbieten. Da, wie in diesem Buch beschrieben, das Shire Horse und Clydesdale ein vom klassischen Kaltblut abweichendes Exterieur haben, wird man manchmal dennoch um eine Maßanfertigung nicht herum kommen.

Auffällig ist, das früher weniger Unterschiede bei den Sätteln zu sehen waren und ein Sattel oft auf mehreren Pferden genutzt wurde. Hatte man früher nicht auf die passende Sattelform geachtet?!? Ein Reitmeister gab mir eine einleuchtende Erklärung dafür: heute gibt es deutlich mehr unterschiedliche Pferderassen in Deutschland, deren Rücken große Unterschiede aufweisen. Vom Shetty über Isländer, verschiedenen Barockrassen, die bekannten deutschen Warmblutrassen über Apaloosas, Paint und Quarter Horse bis hin zu den verschiedenen Kaltblut Rassen inkl. Shire Horse und  Clydesdale. Die früher genutzten Pferde waren sich noch sehr viel ähnlicher, so dass ein Sattel in der Regel auf mehrere Pferderücken passte.

Selber neugierig geworden hörte ich mich um, welche Sattlereien sich mit den Besonderheiten der Dicken auskennen. Ich habe mich bei zwei Sattlern, deren Sättel ich häufiger bei Shire Horse und Clydesdale gesehen habe, umgehört und sie nach den Besonderheiten Ihrer Sättel befragt. Um dem wachsenden Trend im Wander- und Westernreiten gerecht zu werden, wurde ich bei der Firma Rieser vorstellig. Für Dressurreiter und Freunde der iberischen Reitweisen sprach ich mit der Fima Signum Sattelservice.

Ähnlich wie bei den Beiträgen zur Hufpflege gibt es nicht die eine richtige Reitweise oder den einen richtigen Sattel. Es fängt schon bei der Wahl des Sattelbaumes an: fest, flexibel oder gar ohne Sattelbaum – fragt man drei Reiter bekommt man vier Meinungen. Die Auswahl der Sattler in den folgenden Beiträgen ist nicht repräsentativ oder marktabdeckend und eher meinem direkten Umfeld geschuldet. Ich bin mir jedoch sicher, dass die dabei gewonnenen Informationen viele Fragen beantworten. Daher reflektiere ich (hoffentlich) wertfrei das Wissen, das ich erhalten habe.

Handwerk trifft High-Tech

In diesem Beitrag gebe ich die vielen Informationen wieder, die ich bei meinem Besuch der Sattlerei Rieser in Obersteinebach im Westerwald mitgenommen habe. Die Firma Rieser hat eine große Expertise bei Sätteln für Westernreiten, Freizeit- und Wanderreiten. Sie produzieren auch Dressur- und Iberische Sättel, den Schwerpunkt für dieses Kapitel setze ich jedoch auf Sättel für das Westernreiten, gleichwohl viele der Fakten für alle Reitweisen und deren Sattelformen gelten. Im nächsten Kapitel berichte ich dann über eine andere Sattlerei und das weite Umfeld der Dressursättel.

Altes Handwerk, Sattlerei und Goldschmiede

An einem regnerischen Tag im Februar begrüßt mich Christoph Rieser in seinem Betrieb und führt mich zur Einstimmung durch alle Abteilungen. Neben den Arbeitsplätzen der Sattler und den funktionalen Räumen, die man dort erwartet, wie bspw. Lederlager oder Zuschneidetisch, war ich von der hauseigenen Goldschmiedewerkstatt überrascht. Mit etwas Abstand betrachtet ist es jedoch sinnvoll, denn gerade die Show-Sättel der Westernreiter benötigen oft viel Silber und Handarbeit. So kann alles aus einem Haus geliefert werden. Mit seiner Sattlerei und Goldschmiede hat Rieser über 30 Jahre Erfahrung in der Herstellung von Sätteln und Sattelzeug. Immer einen Besuch wert ist die Sattel-Sammlung aus Originalen und beeindruckenden Replikaten von Satteltypen des 19. Jahrhunderts, sowie aktueller Sattelmodelle und funktionalem Zubehör.

Neben dem Charme des Historischen setzt Rieser immer wieder Akzente in Forschung und Entwicklung, bspw. entspringt das von ihm erfundene und patentierte EQUIscan® Mess-System (“blaues Messgerippe”) den Bedürfnissen aus der Praxis. Neben dem handwerklichen Know-How bringt Rieser auch seine Erfahrungen als Reiter ein. Er kann auf große Erfolge in der Westernreiterei zurück blicken. Das hilft ihm bei der Beurteilung des Pferdes und des Reiters mit Blick auf die Arbeits- bzw. Reitweise.

Der Sattelbaum – das Herz des Sattels

In den Werkstätten sehe ich Sättel in verschiedenen Stadien der Fertigstellung, sowie hölzerne Sattelbäume vom Kundenaufträgen, die noch bearbeitet werden müssen. Interessiert betrachte ich die Sattelbäume, denn wie oft hat man als Reiter die Gelegenheit mal die Innereien eines Sattels hautnah zu sehen? Rieser hat mir bis dahin sehr detailliert und offen seinen Betrieb vorgestellt, aber nun sind wir beim Thema.

Dass ihm passende Sättel am Herzen liegen, spürt man immer mehr. Provokant frage ich ihn „Was halten Sie von modernen und flexiblen Bäumen?“. „Bei einem Sattel geht es in erster Linie darum, das Gewicht des Reiters so auf dem Rücken des Pferdes zu verteilen, dass keine Schmerzen oder langfristige Schäden entstehen. Idealerweise wird das Gewicht auf einer großen Fläche verteilt, so dass punktuelle Druckstellen vermieden werden. Drücken Sie einen Finger direkt auf eine Matratze. Dann legen Sie ein Buch auf die Matratze und wiederholen es mit dem Finger auf dem Buch, dann verstehen Sie was ich meine“, so Christoph Rieser. „Sattelbäume aus flexiblen Materialien geben dem Druck nach und reichen ihn punktuell auf den Pferderücken durch. Eine starre Konstruktion hingegen verteilt den Druck gleichmäßiger. Wichtig ist bei der starren Konstruktion, dass sie dem Rücken angepasst ist.“, ergänzt er. Die Versteifung dient dem Schutz des Pferdes, ist ein tragfähiges Gerüst und nützt bei der Befestigung von Ausrüstung, bspw. beim Wanderreiten. Und wie gut man die hölzernen Sattelbäume der Fa. Rieser anpassen kann, werde ich später noch erfahren.

Ist ein Kaltblut was Besonderes?

„Was muss bei einem Sattel für Kaltblüter besonders beachtet werden? Gibt es große Unterschiede zu Sätteln für Warmblüter?“ frage ich weiter. „Ein Kaltblut ist auch bloß ein Pferd.“ kommt als unerwartete Antwort, „Sättel werden nicht für bestimmte Rassen gebaut, sondern sind immer angepasst an die Konstitution, den Grad der Ausbildung und das Exterieur eines Pferdes. Dennoch gibt es Besonderheiten bei Kaltblütern. Sie haben oft breitere Schultern, einen runderen Rumpf oder tendieren eher zu einem kurzen Rücken. Das hat zur Folge, dass sich dadurch ein anderer Schwerpunkt des Sattels ergeben kann, der bspw. bei der Anbringung der Gurtung zu beachten wäre.“ erklärt Rieser.

Der bei Kaltblütern oft vorhandene flachere Rücken bedingt weiter auseinander stehende Auflageflächen für den Sattel und eine breite Kammer für optimale Freiheit der Wirbelsäule. Der Sattel sollte auch hinten mehr ausgestellt sein, um die mächtigere Hüfte und Kruppe nicht einzuschränken. Daher ist es wichtig die Bewegungen bei Vermessungen des Rückens zu beachten. Ebenso kann man nicht starr und blind vermeintlichen Grundsätzen folgen. Die oft gehörte Regel „der Sattelschwerpunkt darf nicht vor dem 14. Brustwirbel liegen und der Sattel darf nicht über den 18. Wirbel hinaus schauen“ ist im Grundsatz nicht falsch, dennoch definiert der jeweilige Pferderücken die Sattelform. Rieser bringt es auf den Punkt: Form folgt Funktion! Ein Beispiel: bei Sätteln für Langstreckenritte wird der Schwerpunkt eher von der Schulter weg, weiter nach hinten verlegt.

Der Sitz des Reiters

Auf breiten Pferden ergibt sich physiologisch ein anderer Sitz, der Reiter sitzt eher im Stuhlsitz. Ein langes Bein und klassischer Sitz ist schwerer möglich aufgrund der größeren Spreizung der Beine. Auch die großen Meister reiten so bei breiten Pferden, das ist nicht verwerflich und anders nicht möglich. Dem kann man durch die Anpassung des Sattels ein wenig entgegenkommen: durch eine leichte Erhöhung der Sitzposition und eine andere Formung der Bars (s. Abbildung „Anatomie eines Westernsattels“) ergibt sich eine vorteilhaftere Winkelung der Beine (s. Abbildung „Erhöhung Sitzposition und Winkelung der Bars“?). Sattler und Reiter müssen einen Kompromiss finden zwischen einer Sitzposition „nah am Pferd“ und der sich ergebenden Spreizung der Beine.

Skizze zur Veränderung der Sitzposition und der Spreizung der Beine
Erhöhung Sitzposition und Winkelung der Bars

Die Krux mit verstellbaren Kopfeisen

„Bei anderen Sätteln gefällt mir die Möglichkeit die Schulterfreiheit durch den Austausch von Kopfeisen verändern zu können. Bei Holzbäumen geht das nicht…“, werde ich wieder etwas provokant. Ich bekomme eine simple, aber logische Erklärung, warum dies nicht immer sinnvoll ist: durch den Austausch der Kopfeisen wird lediglich die Winkelung im Schulterbereich verändert, der Rest vom Sattel bleibt gleich. Wird ein Pferd durch Wachstum größer, bleibt typischerweise die Winkelung der Schulter gleich, es verändert sich die Breite. Die Vergrößerung der Schulterfreiheit geht mit einer breiteren Kammer einher. Ebenso wird aus einem Sattel für ein schmales Warmblutpferd durch ein breiteres Kopfeisen selten ein geeigneter Sattel für Kaltblüter. Die Änderung der Winkelung alleine reicht nicht, die Weite der Kammer muss auch beachtet werden, ebenso wie bspw. die Rippenwölbung.

High-Tech

Nun zeigt mir Rieser das Herz seiner Sattlerei. Erstaunlicherweise ist es nicht eine Werkstatt mit Sattelböcken und Ledergeruch, sondern ein Computerraum. Hier zeigt er mir die Möglichkeiten, die sich durch das 3D-Mess-System EQUIscan® ergeben, für das er schon mehrere Auszeichnungen erhalten hat. Neben dem bekannten, blauen Topografen aus Kunststoff gibt es ein ganzes Ökosystem an Technik, die Sattlern damit zur Verfügung stehen: Cloud-Anbindung, 3D-Software aus dem CAD Bereich und Apps für Smartphones. Mein Informatiker-Herz schlägt ein wenig höher…

„Die Schulter- und Lendenwirbel-Freiheit wird bei der Messung bewertet und bei der Produktion des Sattelbaums berücksichtigt. Die Kunst des Sattlers liegt im Augenmaß und der Erfahrung, man kann nicht einfach die gemessenen Werte des Rückens in Holz fräsen. Hierbei wird nicht, wie häufig vermutet, die gemessene Pferderückenform in die Unterseite des Sattelbaums gespiegelt, sondern Freiraum für die Bewegung gelassen. Bei der korrekten Passform eines Sattels bzw. Sattelbaumes geht es immer um die Freistellung im Schulter und Lendenwirbelbereich. Erst hierdurch kann sich das Pferd in seiner Bewegung frei entfalten.“ erklärt mir Rieser, während er im Computer das Modell des Sattelbaums eines konkreten Kundenauftrags lädt. Dabei blendet er das mit den Messdaten des Pferdes konfigurierte virtuelle Abbild des Messgerippes und das Modell des Sattelbaumes übereinander. Mit geschultem Auge und wenigen Mausklicks kann er das Computermodell des Sattelbaumes fast beliebig anpassen.

Durch die Ermittlung der einzelnen Winkel der über 90 Gelenke des Topografen, sowie der Lage im Raum, ist es möglich die Form des Rückens dauerhaft und reproduzierbar zu dokumentieren. Das ist ein entscheidender Vorteil gegenüber dem Drahtgitter, das sonst gerne zum Einsatz kommt. Die Entwicklung des Pferderückens kann somit über die Jahre verfolgt werden.

Durch die Konstruktion im Computer kann die Produktion des Holzbaumes durch moderne Holzbearbeitung mit CNC-Fräsen schnell und präzise erfolgen. Die grobe Ausgangsform des Sattelbaums wird durch erfahrene Holztechniker manuell aus verschiedenen Holzstücken mit unterschiedlichen mechanischen Eigenschaften, verleimt. Danach wird der Sattelbaum computergesteuert gefräst.

„Sie geben eine lebenslange Garantie auf die Anpassbarkeit des Sattels. Wie schaffen Sie es, einen Sattel für ein junges Pferd so zu konstruieren, dass es auch nach Jahren im Training immer wieder angepasst werden kann?“ frage ich Rieser. „Man muss immer einen Kompromiss zwischen Nutzung und Anpassung finden.“ erklärt er. Bei jungen Pferden planen seine Sattler im Schulterbereich mehr Holz bei den Bars. Wenn die Schulter in Laufe der Zeit breiter wird, kann das Holz später entfernt und der Baum dem Pferd angepasst werden. In einem umgekehrten Fall, wenn der Rücken an Muskulatur verlieren sollte und durch Polsterung der Verlust nicht ausgeglichen werden kann, wird zusätzliches Holz am vorhandenen Baum angeleimt und auf eine Messung manuell angepasst.

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Kaltblut und passender Sattel – ein Widerspruch? (Teil 2)

Nightinggale's Glory mit Omega Mercedes

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Dressur, Barock und iberische Reitweisen

Im letzten Beitrag zu Sätteln für Kaltblüter (Teil 1) hatte ich den Fokus auf Westernsättel gelegt. In dem vorliegenden Beitrag möchte ich über Dressur-, Barock- und Iberische Sättel informieren und klären was man bei den Dicken dabei im besonderen beachten muss. Dazu konnte ich mich auf der Equitana Open Air 2016 in Neuss mit Gernot Weber, dem Inhaber der Fa. Signum Sattelservice, über die Möglichkeiten seiner Sättel unterhalten.

Gleich und doch nicht gleich

„Worin unterscheiden sich Ihre verschiedenen Sattelformen für das Pferd?“ frage ich neugierig, um einen Einstieg in unser Gespräch zu bekommen. „Die von Ihnen hergestellten klassischen Dressursättel, Barocksattel oder die Portugiesen sind doch offensichtlich sehr unterschiedlich!“

„Von der individuellen Rückenform jedes Pferdes abgesehen, gibt es aus Sicht des Pferdes keine Unterschiede. Auch wenn die Optik und die Sitzformen für den Reiter völlig unterschiedlich ausschauen und sich sitzen lassen, der für das Pferd wichtige Teil, die Auflagefläche und die tragende Konstruktion, ist im Grunde gleich.“ antwortet Weber.

Er erklärt mir, dass er und seine Kollegen bei ihren Sätteln viel Wert auf eine große Auflagefläche und flache Polsterung legen. Da macht es keinen Unterschied, ob der Sattel für ein Shetty, ein Warmblut, Vollblut oder Kaltblut ist. Weber bringt es auf den Punkt: „Es ist völlig egal, ob es große oder kleine Pferde sind oder welcher Rasse sie angehören, Haut ist Haut und merkt den Druck gleich empfindlich. Wenn ich Ihnen auf den Zeh trete ist es Ihnen auch egal, ob ich den großen oder kleinen Zeh getroffen habe. Tut beides gleich weh.“


(c) Signum Sattelservice

Signum Sattelservice hat einen eigenen semiflexiblen, anatomisch geformten Kunststoffsattelbaum mit exzellenter Torsionsfähigkeit entwickelt. So verbindet sich die notwendige Steifheit, um den Druck gleichmäßig verteilen zu können, mit einer ausreichenden Flexibilität, um die Bewegung des Pferdes nicht zu stören. Im Vergleich zu herkömmlichen Sattelbäumen bietet er eine fast dreifache Auflagefläche.

Größenvergleich Sattelbäume
Größenvergleich Sattelbäume (weißer, klassischer Baum auf rotem Flex-Baum), (c) Signum Sattelservice

Jeder Sattelbaum hat seine eigene, auf das jeweilige Pferd abgestimmte Geometrie. Sie unterscheidet sich nicht nur in Breite und Länge, sondern auch in der Ausformung für den Widerrist, der Kammerweite, dem sogenannten Schwung und insbesondere der Winkelung der Auflagefläche. Ein besonderes Augenmerk wird auf einen extrem breiten Wirbelsäulenkanal gelegt, der bis zu zwölf Zentimetern breit sein kann. Das deckt sicherlich die Bedürfnisse der Kaltblüter ab.

Breiter Wirbelsäulenkanal
Breiter Wirbelsäulenkanal, (c) Signum Sattelservice

Eine möglichst große Schulterfreiheit und ein breiter Wirbelsäulenkanal sollen dem Pferd freie und uneingeschränkte Bewegungsabläufe ermöglichen. Um die Schulterfreiheit auch für Kaltblüter realisieren zu können, nutzen die Sattler bei Signum Sattelservice besonders lange und stufenlos verstellbare Kopfeisen.

Der oft genannte „kurze Rücken“ des Kaltbluts ist nach der Erfahrung von Weber eher ein Mythos. Im Verhältnis zu den Körperproportionen mag der eine oder andere Kaltblutrücken kurz erscheinen, durch die schiere Größe der Kaltblüter jedoch ist die Sattellage ausreichend lang, so dass dies in den seltensten Fällen ein echtes Problem wird.

„Je nachdem wie sich das Pferd bzw. seine Muskulatur entwickelt und ausbildet, können wir den Sattelbaum beliebig oft nachjustieren und der Entwicklung möglichst optimal anpassen.“ stellt Weber noch einmal klar. Diese Anpassbarkeit sollte auch genutzt werden. Pferde verändern sich bei veränderter Intensität des Trainings oder im Laufe des Alters. Es ist zwar eine Binsenweisheit, an dieser Stelle erlaube ich mir dennoch diesen Hinweis: so manches Problem mit der Rittigkeit löst sich durch einen passenden Sattel.

Die Gretchenfrage

„Wie stehen Sie zu baumlosen Sätteln?“ will ich wissen. „Baumlos bezeichnet im Grunde keinen Sattel, sondern eher eine dicke Decke. Beide Systeme [mit Baum oder ohne, A.d.R] haben Ihre spezifischen Vorteile und Schwächen. Wir vergleichen hier jedoch Äpfel mit Birnen. Das ist für beide nicht fair.“ so Weber. „Dennoch muss man wissen, dass baumlose Sättel, wenn wir den Begriff in diesem Zusammenhang mal benutzen wollen, Druckspitzen auf den Pferderücken direkt durchreichen. Wenn man bspw. im Steigbügel steht, drücken die Riemen direkt auf den Rücken. Ein Sattel mit Baum hingegen rahmt das Pferd ein. Das kann auch ein Nachteil sein. Unter dem Strich sehen wir bei der Nutzung von Sattelbäumen aber mehr Vor- wie Nachteile.“

Ein Sattel muss zum Ausbildungsstand von Pferd und Reiter passen und auch gehobenen reiterlichen Ansprüchen der unterschiedlichen Disziplinen bzw. Reitweisen in individuellen Sitzausformungen Rechnung tragen. Als erfolgreicher Reiter der Working Equitation (bis hin zur Bronzemedaille bei Weltmeisterschaften) kann Weber durch seine große Erfahrung sehr gut einschätzen, wie ein Sattel zu Pferd, Reiter, Ausbildungsstand und Reitweise passt.

Gerade bei Sätteln für Kaltblüter hilft die Maßanfertigung gegenüber Modellen von der Stange. Die Dicken haben oft geschwungene Rücken, eine besondere Rippenwölbung und Rippenbogenwinkelung. Das macht eine Anpassung der Standardmodelle schwierig, ein individueller Sattel nach Maß berücksichtigt das alles.

Altes Handwerk und moderne Produktion

Bei Signum Sattelservice wird jeder Sattelbaum individuell nach Maß hergestellt und geformt. Dabei kommen neben handwerklichem Können der Sattler auch moderne Techniken wie CAD-gesteuerte Konstruktion und Produktion, sowie ständige Kontrolle während der Produktion durch Vermessung per Laser zum Einsatz.

Mein persönliches Fazit nach den Gesprächen mit zwei unterschiedlichen Sattlern, deren durchaus unterschiedliche Herangehensweise und den doch überraschend vielen Gemeinsamkeiten fällt sehr positiv aus: für unsere geliebten Dicken müssen wir beim Sattel keine Kompromisse mehr eingehen, egal für welche Reitweise wir uns entscheiden und welchen Ausbildungsstand Pferd und Reiter haben.

Kaltblut Hufe sind anders – oder doch nicht? (Teil 1)

Shire Horse Huf auf einer Hand (c) Tierfotografie Fabisch

Hufbeschlagsschmied und Barhufbearbeiter

Das weitreichende Thema Hufgesundheit beschäftigt Pferdebesitzer regelmäßig. Selbst wenn augenscheinlich die Hufe und der Bewegungsapparat gesund erscheinen, stellt sich spätestens nach längeren Gesprächen mit anderen Pferdemenschen bald die Frage, ob das jeweilige Pferd beschlagen werden sollte oder ob Barhuf die bessere Lösung ist. Wie bei fast allen Dingen im Leben gibt es immer Argumente dafür und dagegen, die jeweilige individuelle Situation ist entscheidend.

Einer der ganz großen Streitpunkte dabei ist, ob ein Hufbeschlagschmied oder ein Barhufbearbeiter sich um den Bewegungsapparat des Pferdes kümmern soll. Diese zwei, ich nenne sie an dieser Stelle der Einfachheit halber „Fachgebiete“, möchte ich näher beleuchten.

An dieser Stelle kommen zwei Experten für Kaltblut und im Speziellen für Shire Horse oder Clydesdale zu Wort.  Im folgenden Blog-Beitrag wird Ulrich Gerusel, ein bei Kaltblütern sehr erfahrener Hufbeschlagschmied, zu Wort kommen.

Im darauf folgenden Blog-Beitrag wird dann Christof Backhaus, DIfHO Hufbearbeiter, den Teil der Barhufbearbeitung näher beleuchten. Sie finden daher in den beiden folgenden Beiträgen hin und wieder augenscheinlich gegensätzliche Darstellungen und Meinungen, was bei dem komplexen Thema Hufbearbeitung nicht ungewöhnlich ist und auch nicht falsch im eigentlichen Sinne. Wenn die jeweiligen Fachleute Ihre Arbeit richtig machen, gelangen Sie auch mit unterschiedlicher Betrachtungs- und Herangehensweisen zum gleichen Ergebnis: einem funktionierenden und gesunden Huf.

Tellerhufe, Eisen und Irrtümer

Zum Einstieg, und mit Blick auf die Interessen der Leser, gestatte ich mir die Frage: was unterscheidet den Huf eines Warmblutpferdes von dem eines Kaltblutpferdes? Gibt es rassebedingte Unterschiede? Die Frage hat mir Gerusel, umgehend mit einem klaren „Ja und Nein“ beantwortet. Grundsätzlich sind die Hufe, und der restliche Bewegungsapparat gleich. Bei einigen Kaltblutrassen ergeben sich rassebedingt Unterschiede in der „Schuhgröße“ – die Mechanik, die Stellung und die Bewegungsabläufe sind physiologisch erst einmal gleich. Eine Ausnahme bilden jedoch Shire Horse und Clydesdale bei denen rasse- und zuchtbedingte Unterschiede vorhanden sind. Hierauf komme ich später zurück.

Die Größe der Hufe eines Kaltblut führen uns auch gleich zu dem Punkt, warum nicht alle Schmiede Kaltblut Hufe bearbeiten möchten. Angefangen beim Beschlagsmaterial, über die größeren Werkzeuge, dem größeren Ofen bis hin zum zeitlichen Mehraufwand, wird es schwierig geeignete Schmiede zu finden. Die Kaltblut Besitzer kennen das, praktisch alle Zubehörteile müssen in XXL erworben werden.

Auf meine Frage, warum trotz der gleichen Biologie, beim typischen Kaltblut andere Probleme mit dem Bewegungsapparat auftreten als beim typischen Warmblut, wird Gerusel nachdenklich und holt etwas aus. Viele der Probleme, die er in seinem Berufsalltag vorfindet, sind oft hausgemacht. Das hat etwas mit den Marktpreisen der Kaltblut zu tun, mit der Aufzucht und der späteren Haltung. An dieser Stelle ist es ihm wichtig nicht zu pauschalisieren! Es gibt viele Züchter und Besitzer, die sich sehr sorgsam und mit viel Fachkenntnis um ihre Pferde kümmern, jedoch zeigt seine berufliche Praxis, dass es auch anders kommen kann. Im Folgenden beschreibt er daher die Ursachen, die zu den typischen Kaltblut Hufproblemen führen können.

Kaltblüter erreichen schon in Ihrer Jugend mehr Körpermasse als vergleichbare Warmblüter, dieses Gewicht belastet Muskeln, Knochen, Sehnen, Knorpel und Gelenke. Daher ist es wichtig von Fohlen an dafür zu sorgen, dass das Wachstum des Bewegungsapparates durch ausreichendes und richtiges Mineralfutter unterstützt wird. Mangelnde und/oder falsche Bewegung tragen ebenfalls zu den Schädigungen bei. Auch die Fütterung kann Schäden herbeiführen, oft wird zu viel und falsch gefüttert. Zudem lastet dem Kaltblut der Ruf an, robust zu sein und einiges vertragen zu können. Leider wird daraus manchmal abgeleitet, dass Kaltblut daher mehr wegstecken können und mit preiswerterem oder weniger Aufwand gehalten werden können. Dem ist leider nicht so, gerade Shire Horse und Clydesdales sind eher empfindlich und neigen schneller zu Krankheiten als andere Kaltblut Rassen.

Gewichtsträger?

Auch der Mythos des Kaltblut als „Gewichtsträger“ führt durch die höheren Belastungen zu Problemen. Egal welches Pferd betrachtet wird, ein Gewichtsträger ist es nicht durch die Rasse, sondern eher durch den Stand der Ausbildung und dem geeigneten Exterieur. Die Rückenlänge, die Knochen, die richtige Bemuskelung und der Stand der Ausbildung entscheiden darüber, ob das Pferd sich selbst und den (schweren) Reiter tragen kann. [An dieser Stelle möchte ich auf das Kapitel “Mythos Gewichtsträger” im Buch verweisen, bei dem in einem Gastbeitrag erklärt wird, welche Voraussetzungen ein Pferd benötigt,  schwere Reiter tragen zu können (bzw. warum manchmal auch nicht)]

In ungünstigen Fällen kommt es daher zu degenerativen Erscheinungen und Überlastungen. Krongelenkschale und Hufknorpelverknöcherung sind Beispiele hierfür durch zu hohes Gewicht und zu wenig Durchblutung aufgrund mangelnder Bewegung. An dieser Stelle ist es wichtig, dass der Pferdebesitzer Veränderungen rechtzeitig erkennt und dafür sorgt, dass umgehend fachmännische Hilfe zur Anwendung kommt. Es passiert leider zu oft, dass zu viel Zeit damit verbracht wird andere Laien um Rat zu bitten und durch Fehlbehandlungen das Problem zu verschlimmern, anstatt gleich auf den Fachmann/frau zuzugehen. Neben Schmied oder Hufbearbeiter ist auch Ihr Tierarzt der richtige Ansprechpartner. Es gibt mittlerweile sehr gute Diagnostik, um die oben beschriebenen Probleme noch im Ansatz zu erkennen und proaktiv behandeln zu können. Dabei kann der richtige Beschlag helfen.

Massive Schale am Krongelenk
Massive Schale am Krongelenk (c) Tierosteopathie Braun
Hufknorpelverknöcherung (HKV)
Hufknorpelverknöcherung (HKV) (c) Uli Gerusel

Beschlag oder Barhuf?

„Bei vernünftiger Haltung muss nicht zwingend ein Beschlag verwendet werden, auch ein Shire Horse oder Clydesdale kann gut Barhuf gehen“, sagt Gerusel. „Anders wird es, wenn das Shire Horse oder Clydesdale als Arbeitspferd eingesetzt wird. Ich meine damit nicht eine Stunde Arbeit in der Bahn oder im Gelände, sondern intensive Kutschfahrten oder Wanderritte.“

Hier kann es aus Gründen des übermäßigen Abriebes auf Asphalt/Stein sinnvoll sein, durch Eisen mit Stiften [für den besseren Halt auf Asphalt. A.d.R.] den Huf zu entlasten. Wie bei jedem Heilmittel, gibt es auch hier Nebenwirkungen, die bekannt sein müssen. Beim natürlichen Abfußen (Barhuf oder ohne Stifte) rutscht der Huf durch die Schwungmasse der Glieder minimal nach vorne. Stifte geben auf Asphalt mehr Griff und verhindern das Rutschen. Der gesamte Bewegungsapparat wird dadurch stärker beansprucht („gestaucht“). Beim höheren Gewicht des Shire Horse oder Clydesdale belastet das schnell die Gelenke. Trotz der augenscheinlichen Nachteile bringen diese Beschläge aber deutliche Vorteile bei der Arbeitssicherheit für Pferd und Mensch. Hier muss individuell abgewogen werden, was das Richtige ist.

Solche Arbeitsbeschläge müssen nach spätestens sechs, maximal acht Wochen erneuert und der Huf entsprechend seinem Wachstum und der spezifischen Arbeit entsprechend bearbeitet werden, auch wenn der Huf oder der Beschlag es noch nicht fordern. Die „Rückstellung“ des Hufes durch die Bearbeitung ist für das Pferd belastend. Ein Huf wächst typischweise im Durchschnitt 12mm bis 15mm in zwei Monaten. Wenn das wieder weggenommen wird, verändert sich automatisch die Abfußung, die Stellung, etc. Daran muss sich der Bewegungsapparat erst wieder gewöhnen, was bei Pferden in Arbeit zu beachten ist. Größere Fehlstellungen benötigen daher einige Zeit, bis der Huf und die Biomechanik des Bewegungsapparates wieder die für das Pferd „richtige“ Form und Stellung hat. Hier muss in vielen kleinen Schritten das Ziel erreicht werden.

Besonderheiten der Kaltblüter

Kommen wir nun zum Eingangs erwähnten Unterschied des Shire Horse oder Clydesdale zu Kaltblut und Warmblut. Neben den im obigen Text beschriebenen Einflüssen des Menschen auf die Qualität des Bewegungsapparates, hat das Shire Horse, durch seine Zucht rassetypisch bedingt, eine etwas andere Form der Hufe und der Beinstellungen. Die englische Shire Horse Society wünscht beim Shire Horse die Hinterbeine eng gestellt. Die Gliedmaße unterhalb des Sprunggelenkes stehen zusammen („hocks together“) mit einer leichten Außenstellung der Zehen. Das ergibt eine Y-artige Beinstellung die nicht mit „Kuh-hessig“ verwechselt werden darf, das wären X-Beine. Auch sollen die Hufe flach und breit sein. Das gibt ihnen ein Entenfuß-ähnliches Aussehen. Durch diese Hufform, die bei in England gezogenen Pferden besonders ausgeprägt ist, ist die Hufwand (im Seitenprofil betrachtet) nicht trapezförmig, sondern erfährt eine leichte, nach innen gerichtete Rundung. Dadurch ergibt sich beim Huf des Shire Horse ein ausgeprägtes Zehenwachstum im Vergleich zum Röhrenwachstum anderer Rassen. Der Huf „schiebt nach vorne“. Oft ist zu beobachten, dass die Trachten dabei unterschieben.

Verschiedene Beinstellungen bei Pferden, rechts das "hocks together" bei Shire Horse und Clydesdale
Verschiedene Beinstellungen bei Pferden, rechts das “hocks together” bei Shire Horse und Clydesdale (c) Kirsty Farnfield

Statistisch nicht belegt, aber durch mehrere Schmiede/Hufbearbeiter beobachtet, ist die Tendenz, dass Shire Horses hinten gerne leicht bockhufig stehen. Auch die Korrektur der englischen „Tellerfüße“ kann langwierig sein, nicht immer führt es zum gewünschten Erfolg. Diese beim Shire Horse besonderen Hufformen müssen beim Ausschneiden und Anpassen beachtet werden. Hier ist es hilfreich, wenn der Schmied oder Hufbearbeiter Erfahrung mit Shire Horse oder Clydesdale hat.

Kaltblut Hufe sind anders – oder doch nicht? (Teil 2)

Warum die Vermeidung von Beschlägen sinnvoll sein kann

Nachdem wir im vorherigen Blogbeitrag (Teil 1) wichtige und interessante Informationen zur Anatomie der Hufe, insbesondere beim Shire Horse und Clydesdale, sowie den Möglichkeiten und Grenzen von Beschlägen kennen gelernt haben, wenden wir uns in diesem Beitrag der Barhufbearbeitung zu. Ideologisch betrachtet setzen wir uns damit in die andere Ecke des Rings. Aber sowohl Uli Gerusel, mein Experte im letzten Beitrag, als auch Christof Backhaus, DIfHO Hufbearbeiter und mein Experte für diesen Beitrag, sind lange genug im Leben angekommen und wissen um die Vorteile und Möglichkeiten ihrer jeweiligen Professionen.

„Ein Huf muss so bearbeitet werden, dass er funktioniert“, bringt es Backhaus auf den Punkt. „Jo!“, denke ich mir, „Ist ja ganz einfach.“ – und saß die nächsten zwei Stunden bei ihm in der Stallgasse, wo er mir am Beispiel einer seiner Shire Horse Stuten erklärte, was er damit meint. Ich bekomme dabei einen Abriss seiner zweijährigen Ausbildung zum DifHO Huforthopäden nach Jochen Biernat.

Huf und Funktion

Sein Ziel ist es, die auf den Huf wirkenden physikalischen Kräfte (Abrieb und Bodengegendruck) zu nutzen, um ungünstige Belastungen und damit verbundene Verformungen des Hufs mittels einer geeigneten Bearbeitung umzukehren. Es sind physikalische Kräfte, die einen Huf verformen. Es sind aber auch diese Kräfte, mit denen man Hufe orthopädisch wieder richten kann. Die richtige Hufphysik, die Statik, die Druck- und Hebelverhältnisse müssen stimmen. Dabei ist ihm Ursachen- und nicht Symptombehandlung wichtig. Man muss die richtigen Fragen stellen, um der Ursache auf den Grund zu gehen. Gerade bei Kaltblütern mit ihrem höheren Gewichten ist ein ausbalancierter Huf wichtig. Wie bei einem ausgelatschtem Schuh kann sich bei veränderter Abfussrichtung die Stellung der Gelenke ändern und die darüber stehende Knochensäule dreht sich mit. Das wiederum schadet dem ganzen Bewegungsapparat.

Für ihn als Barhufbearbeiter sind Hufbeschläge (egal ob genagelt, geklebt oder als Hufschuh) als reiner Abriebschutz zu sehen, nicht mehr und nicht weniger. Bei in Arbeit stehenden Pferden kann es durchaus notwendig sein die übermäßige Abnutzung zu stoppen, bevor der Huf sich stärker abreibt als er nachwachsen kann. Dennoch muss die Hufphysik stimmen. Backhaus ist es wichtig zu betonen, dass er nicht kategorisch gegen Beschläge ist, nur sollte die Entscheidung gut überlegt, sowie die Vor- und Nachteile genau abgewogen werden. Wenn z.B. Eisen verwendet werden, muss man u.a. wissen, dass sich sehr häufig die Trachten schneller abnutzen als die Zehe. Betrachten Sie einmal bei abgenommenen Eisen die Stellen auf denen die Trachten sitzen. Dort können leichte Vertiefungen entstehen, die die Trachten in das Eisen gearbeitet haben. Daher muss beim Eisenwechsel nicht nur das Horn weggenommen werden das nachgewachsen ist, sondern die Druck- und Kräfteverhältnisse müssen wieder richtig angepasst werden.

Barhufbearbeitung, Trachten und lange Zehe, vor der Bearbeitung
Untergeschobene Trachten und lange Zehe, vor der Bearbeitung, (c) Christof Backhaus

Barhufbearbeitung Trachten, 6 Monate später
Gleicher Huf nach Barhufbearbeitung, 6 Monate später, (c) Christof Backhaus

Einen Hauptnachteil eines Beschlages sieht Backhaus in der Beschränkung der Hufmechanik, wodurch die Durchblutung verringert wird, was zu gesundheitlichen Problemen führen kann (schlechtes Hornwachstum, schlechte Hornqualität, …). Auch die starke Reduzierung des Tastsinns der Hufe führt tendenziell eher zu Überlastungen und einer schlechten Ausbalancierung auf unebenem Untergrund. Ebenso wird die Hufpflege durch Beschläge erschwert, was wiederum schnell zu Fäulnis führen kann. Neben der erhöhten Rutschgefahr weist er noch einmal auf den verstärkten Abrieb der Trachten hin, wodurch die Überstreckung der Fußgelenke gefördert wird. Gerade wegen letzterem muss ein beschlagener Huf auch orthopädisch richtig bearbeitet werden. Einfaches Ausschneiden, nur um das nachgewachsene Horn zu kürzen, reicht nicht. Dazu aber später mehr.

Aber auch ein Barhuf ist nicht automatisch ein guter und gesunder Huf. Bei weitem nicht! „Nur durch die fachgerechte Bearbeitung eines Barhufes von einem Spezialisten – egal ob das ein Huforthopäde, ein Hufpfleger, ein Schmied oder sonst wer ist – welcher genau weiß wie ein Huf funktioniert und die auf einen Huf einwirkenden Kräfte entsprechend richtig steuern kann, haben Pferd und Besitzer langfristig Freude an gesunden Hufen.“ betont Backhaus.

Besonderheiten beim Shire Horse und Clydesdale

Wie schon im letzten Beitrag beschrieben, findet man besonders beim Shire Horse und Clydesdale rassebedingt häufig ungerade, seitlich wegdrückende Hufwände. Neben den Hebelkräften, die dort wirken, schadet es auch der Hornsubstanz. Typisch bei ihnen ist das oft dick aufgepacke und weit nach unten an der Hufwand gezogene sogenannte „Basthorn“. Die Hufwand besteht aus vielen kleinen Hornröhrchen, die zusammen die tragende Wand bilden. Wird am Kronrand beginnend das eigentlich gerade wachsende Horn „gebogen“ bzw. gehebelt, dann brechen die äußeren Röhrchen auf und bilden dann das Basthorn. Bildlich gesprochen: nehmen Sie eine handvoll Spaghetti in beide Hände und biegen diese vorsichtig bis die ersten Nudeln brechen: so entsteht Basthorn.

Wenn bei beiden Rassen nicht von Geburt eine vernünftige Hufform erarbeitet wird, sind signifikante Hufprobleme in den folgenden Jahren sehr wahrscheinlich. Durch den hohen Druck und der rassebedingten Hufanatomie muss man jedoch meistens Kompromisse finden. Der Huf beim Shire Horse ist, so merkwürdig das auch klingen mag, von der Proportion her zu klein für das Pferd und muss dennoch hohen Kräften Stand halten. Andere Kaltblüter haben ein besseres Verhältnis der Hufgröße und Wandstärke zur Körpermasse. Shire Horses und Clydesdales haben aufgrund der Entwicklung der Rasse noch viel Vollblut eingekreuzt. Durch das hohe Gewicht der Pferde führt der hohe Druck zu „Kotflügeln“ (nach außen laufende seitliche Hufwände) und Trachtenlast, die Zehe wird entlastet und „schnabelt“. Daher haben gerade diese Pferde in Großbritannien, mit ihren durch die Bearbeitung absichtlich herbeigeführten Tellerhufen, die größten Probleme. Denn die nach außen laufende, flache Hufform hebelt besonders gut.

Typisch sind oft Risse, die im Vorderhuf meistens seitlich auftreten. Sie entstehen durch die Spannungen der ungleich auseinander strebenden Hufwände. Barhufbearbeiter korrigieren Risse, indem die Ursache (Hebel und gegeneinander wirkende Kräfte) beseitigt wird. Das bei Rissen oft gesehene „zwingend notwendige“ Eisen behebt nur das Symptom, beseitigt aber für sich alleine nicht die Ursache, die Hebelkräfte sind immer noch da.

Barhufbearbeitung Riss vorher
Shire Horse Huf mit deutlichem Riss, (c) Christof Backhaus

Barhufbearbeitung Riss, 4 Monate später
Gleicher Huf, 4 Monate später,(c) Christof Backhaus

Das andere Ende

Neben den tragenden Hufwänden hat ein Huf „unten rum“ noch weitere Bestandteile, die nicht unwichtig sind. Für mich war bspw. neu, dass der Strahl nach dem Ausschneiden so gekürzt wird, dass er keinen primären Bodenkontakt hat, wenn das Pferd normal auf dem Huf steht. Nur wenn der Huf im Boden einsinkt, dämpft der Strahl den Druck. Meinen fragenden Blick sehend erklärt er gleich warum: „Der Strahl hält dem primären Bodendruck dauerhaft nicht Stand. Wird er zu sehr beansprucht, bilden sich sog. Milchtaschen, die Substanz des Strahls weicht milchig auf. Auch entstehen rote Einfärbungen durch Quetschungen der Lederhaut im Strahl.“. Ein Barhufbearbeiter schneidet die Sohle nicht einfach nur aus, um Platz zu schaffen, sondern glättet sie, nimmt Unebenheit weg und formt sie zusammen mit den Eckstreben zu einer tragenden Komponente.

Apropos Strahl – kommen wir zum Schreckgespenst der Wintermonate: Strahlfäule. Auf meine Frage nach dem perfekten Mittelchen gegen die Fäule kann sich Backhaus ein Grinsen nicht verkneifen: „Der beste Schutz ist richtiges Ausschneiden. Die Fäulnis-verursachenden Bakterien lieben feuchtes, warmes Klima unter Ausschluss von Sauerstoff. Also lautet die Lösung: Luft dran kommen lassen und möglichst trocknen halten.“ Aber Vorsicht! Der vielfach beliebte Jodoformäther trocknet zu viel und zu schnell aus, die Lederhaut nimmt Schaden, es entsteht totes Horn, das mehr schadet als es nützt. Strahlfäule ist zu 90% ein Bearbeitungsproblem, weniger ein Pflegeproblem und lässt sich bei Beschlägen nicht immer verhindern.

Aufgrund von Fäulnis und der dadurch entstehenden Zersetzung des Horns durch anaerobe (sauerstoffmeidende) Bakterien können Hufgeschwüre entstehen, die sich bildende Flüssigkeitsblase drückt gegen die Lederhaut, es kommt zu Schmerzen und damit auch zu Lahmheiten. Dagegen gibt es eine sinnvolle Maßnahme: Das Hufgeschwür möglichst vollständig öffnen, Luft daran kommen lassen und loses Horn entfernen. Die Steigerung davon ist der Hufkrebs, er entsteht durch eine völlig überlastete, gereizte Lederhaut, die kollabiert und zum Hufkrebs blumenkohlartig aufquillt.

Er entsteht aufgrund chronischer Überreizung z.B. durch Hufgeschwüre (s.o) oder durch extreme Fehlbelastungen (bspw. durch Zwanghufe).

„Gibt es Möglichkeiten, wie wir Pferdemenschen die Hufe unterstützend pflegen können?“, frage ich Backhaus. Von der Antwort war ich überrascht, er rät von auf dem Markt vorhandenen Produkten ab und empfiehlt eine sinnvolle und regelmäßige Hufbearbeitung durch einen Fachmann bzw. eine Fachfrau. Die gerade im Sommer gerne durchgeführte Wässerung der Hufe ist nutzlos und schadet eher, denn ein Huf kann Wasser nicht aufnehmen. Es quillt lediglich die äußerste Schicht etwas auf und dadurch reibt sich das Horn auf dem trockenen, harten Sommerboden schneller ab. Bei Pferden, die Hufschuhe tragen müssen, ist zu beachten, dass diese nicht rund um die Uhr getragen werden, der Huf muss Gelegenheit haben abzutrocknen. Was viele nicht wissen: Pferde schwitzen auch über den Huf, so dass sich im Hufschuh immer ein feuchtes Klima entwickeln wird.