Grundlagen

Grundlegende Informationen über beide Pferderassen – Shire Horse und Clydesdale

Das Shire Horse gilt als die größte aller Pferderassen – mit einer Widerristhöhe bis zu 195cm (19 hands) Der Rassedurchschnitt bei Stuten beträgt etwa 170cm, bei Wallachen und Hengsten etwa 176cm. Damit ist das Shire Horse (verglichen mit dem Durchschnitt anderer Rassen) die größte Pferderasse. Das Clydesdale erreicht ähnliche Größen, ist aber im Durchschnitt etwas kleiner als das Shire Horse. Durch die Größen und die kaltbluttypische Masse erreichen beide Gewichte von bis zu einer Tonne. Dennoch sind diese Eigenschaften gepaart mit Ruhe, Sanftmut, Geduld und Fügsamkeit. Die Fachwelt nennt sie zu Recht „Gentle Giants“ – es sind wahrhaft sanfte Riesen.

Nutzung als Show-, Arbeits- und Reitpferd

Shire Horse und Clydesdale wurden in ihrer heutigen Form als Show- und Arbeitspferde gezüchtet und sind bekannt für ihre große Zugleistung. Anders als bspw. das Rheinisch-Deutsche Kaltblut, dass seine Kraft primär aus der Muskelmasse entwickelt, erlangen Shire Horse und Clydesdale ihre Zugkräfte aus den Hebelverhältnissen der langen Beine. Da sie rassetypisch weniger bemuskelt sind und somit im Verhältnis weniger Masse haben, als andere vergleichbar zugstarke Kaltblutrassen, fallen ihnen schnellere Gangarten leichter. Durch die langen Beine ergibt sich auch ein eher quadratischer Rahmen, wodurch der Rücken im Verhältnis kürzer ist. Diese Eigenschaft fördert die Rittigkeit von Shire Horse und Clydesdale.

Beide Rassen gelten als echte Spätentwickler, die noch bis ins siebte Lebensjahr wachsen können. Erst dann sind alle Knochenfugen geschlossen. Daher sollten sie nicht vor dem fünften Lebensjahr vorsichtig und mit leichtem Reitergewicht angeritten werden. Anfahren kann ab dem vierten Lebensjahr vorsichtig erfolgen.

Rassestandards

Es ist recht schwierig die beiden Rassen Shire Horse und Clydesdale in getrennten Rassebeschreibungen unterscheiden zu wollen. Sind sie sich aufgrund der langen, gemeinsamen Geschichte und dem züchterischen Austausch doch sehr ähnlich.  Am auffälligsten ist, dass bei Clydesdales mehr Flecken, Stichelhaare und farbige Augen (z.B. blaue Iris bzw. “walled eye”) erlaubt sind. Im folgenden werden die gemeinsame Eigenschaften beider Rassen beschrieben. Die ganz exakten Rassestandards der jeweiligen Societies findet ihr auf den Webseiten der Shire Horse Society und der Commonwealth Clydesdale Horse Society.

Bundessiegerhengst Marieth Major
Bundessiegerhengst Marieth Major (c) Shire Connection Schönborn

Der enorme Kötenbehang, der an ein bis vier Füßen reinweiß und seidig sein sollte, fällt sofort ins Auge. Auch Mähne und Schweif sind dicht und lang. In England wird der Schweif traditionell für Shows geschoren, aber nicht kupiert. Typisch für das Shire Horse sind stark ausgeprägte Abzeichen an Kopf und Beinen, hin und wieder auch weiße Flecken am Bauch.

Farben: Rappen, Braune, Dunkelbraune und Schimmel. Keine Füchse.

Größe:
Der Durchschnitt liegt bei 178cm, bei Hengsten auch größer.

Kopf: Langer und schlanker Ramskopf, zum Körper passend.

Schulter: Tief und schräg, breit genug für die Aufnahme eines Kummet.

Hals: Gut aufgesetzt, leicht gebogen und lang.

Brust: Der Umfang liegt zwischen 180cm und 240cm.

Rücken: Beim Hengst stark und bemuskelt, bei Stuten kann er länger sein.

Vorhand: Klare Gelenke. Gut bemuskelte und gut unter den Körper gesetzte
Beine, Hinterhand: Gut bemuskelt, breit, klar und harmonisch in die Oberschenkel übergehend mit hoch angesetztem Schweif.

Röhre: Umfang beim Hengst 28cm, kann bis zu 32cm sein. Bei Stuten und Wallachen 23cm bis 28cm.

Gewicht: zwischen 800kg und 1100kg

Mehr Details und was den “alten Schlag” von heutigen, modernen Typen unterscheidet findet Ihr im Buch im Kapitel “Rassebeschreibungen” ab Seite 28.

Stellung der Hinterhand “hocks together”

Nur bei Shire Horses und Clydesdales zu finden ist die auffällige, züchterisch gewollte Stellung der Hinterhand. Die englische Bezeichnung „hocks together“ beschreibt die Y-förmige Beinstellung, die nicht mit Kuhessig verwechselt werden darf, das wären X-Beine.

Die folgenden Bilder zeigen die züchterisch gewünschte Stellung der Hnterhand:

Hier Beispiele warum es sinnvoll ist bei Zug die Beine nicht weit auseinander zu stellen, sondern sie sinnvoll unter dem Druckpunkt zu haben:

 

Die bei beiden Rassen auffällige und einzigartige Stellung der Hinterhand (“hocks together”) wirft regelmäßig Fragen auf, warum sie so gezüchtet wurde. Besonders hartnäckig halten sich dabei zwei Begründungen, die eher den “urban legends” zuzuordnen sind. Jedenfalls sind sie völliger Quatsch und machen auch keinen Sinn.

1. Nein, es liegt nicht an der Nutzung in der Landwirtschaft vor dem Pflug. Sie müssen nicht mit der Hinterhand in der Ackerfurche laufen! Zum einen würde es für die überwiegende Nutzung vor Kutschen, Transportwagen und als Zugpferde für Treidelkähne keinen Sinn machen, Straßen haben keine Ackerfurche. Zum anderen waren in der Regel zwei Pferde vor dem Pflug eingespannt, so dass eines komplett um bereits gepflügten Feld und das andere komplett im noch ungepflügten Feld laufen musste.

2. Nein, sie mussten keine schnelle Wendungen auf der Hinterhand als Ritterpferd im Kampfgetümmel durchführen! Dafür gibt es keine Belege. Alle Überlieferungen und Zeichnungen/Gemälde zeigen im Gegenteil sehr breitbeinig aufgestellte Pferde, die einen stabilen Stand bieten. Auch der aus vielen Ritterfilmen bekannte flotte Galopp mit der Lanze in der Hand, um den Gegner aus dem Pferd zu heben, ist völliger Blödsinn. Ein Ritter wog mit Rüstung fast 200kg, das Pferd war auch sehr stämmig. Ein Angriff glich eher einem alles niederwalzenden Trab, als einem leichtfüssigen Tanz mit schnellen Wendungen.

Die plausibelste Begründung für „hocks together” liegt in der physikalischen Umsetzung eines bessern Druckpunktes direkt unter dem Schwerpunkt (unterhalb der Hüfte) und den besseren Hebeln durch die langen Beine. Und sicherlich mag auch ein “schräges” englisches Schönheitsideal seinen Anteil daran haben.